Montag, 29. Mai 2017

Nervenkitzel

"Travelling with no destination
No place to go
Nameless towns with faceless people
No place I know"
(Visage - The Damned Don't Cry)
Es ist ein schöner heller Tag und sie spazieren auf einem Feldweg. Meilenweit ist nichts zu sehen. Keine Menschen, keine Gefahren, gar nichts. Was sollte Ihnen hier passieren? Wir sind ja nicht in finsterer Nacht mitten in einer gefährlichen Großstadt, oder?
Es ist hell, es ist ruhig und Sie können ganz unbeschwert weitergehen. Plötzlich hören Sie aus der Ferne ein Flugzeug. Sie denken sich nichts dabei. Sie sind ein unbescholtener Bürger, der nichts zu befürchten hat. Es ist nur ein Geräusch. Sonst gar nichts. Aber es kommt näher.
Sie drehen sich um und sehen ein kleines, ein wirklich klitzekleines Flugzeug am Horizont.
Es hat nichts mit Ihnen zu tun.
Aber es wird lauter. Immer lauter.
Sie werden jetzt doch ein bisschen nervös und drehen sich nochmal um.
Das Flugzeug kommt direkt auf Sie zugeschossen. Was soll das?
Jemand versucht, Sie umzubringen!
Jetzt rennen Sie um ihr Leben und werfen sich auf den Boden.
Es ist nochmal gutgegangen, aber das Flugzeug wendet und attackiert Sie erneut.
Wie durch ein Wunder überleben Sie den Angriff und gehen zurück in Ihr Motelzimmer. Sie schließen die Tür hinter sich. Drehen den Schlüssel zweimal im Schloss. Sie sind nach diesem Abenteuer völlig verschwitzt und brauchen eine Dusche.
Das Badezimmer. Hier sind Sie sicher. Sie sind alleine. Mein Scheißhaus ist meine Burg, wie die Engländer sagen. Endlich können Sie sich entspannen. Sie stehen nackt unter der Dusche. Völlig hilflos. Aber was sollte einem im Bad schon passieren? Wir sind ja nicht in finsterer Nacht mitten in einer gefährlichen Großstadt, oder?
Sie bemerken nicht, dass jemand hineingekommen ist. Das beruhigende Gefühl des warmen Wassers auf Ihrem ungeschützten Körper.
Die Silhouette eines Mannes erscheint auf dem Duschvorhang, der ein riesiges Messer in der Hand hält. Sie bemerken es nicht.
Dann hören Sie plötzlich das nervenzerfetzende Geigen diverser Berufsmusiker.
Sehen Sie. Das ist Nervenkitzel. So arbeitet Andy Bonetti. Dieser Teufelskerl!
Psychedelic Furs - The Ghost In You. https://www.youtube.com/watch?v=uMmA8PsTvPA

Sonntag, 28. Mai 2017

Sonntagmorgen in meinem Garten

„Amsel 1 an Amsel 2. Kannst du mich hören? Over.“
„Laut und deutlich.“
„Laut und deutlich WAS? Over.“
„Over.“
„WAS Over?“
Over Over, du dämliches Stück Spatzenscheiße.“
„Nicht in diesem Tonfall. Over.“
„Was soll der Blödsinn? Ich sitze zwei Meter neben dir. Natürlich kann ich dich hören.“
„WAS? Over.“
„Over, my ass. Wir sind die beiden einzigen Amseln im Garten. Was soll das?“
Leck mich. Over.“
„Du mich auch.“
„WAS? Over.“
„Over and out. Hoffentlich zerlegt eine Elster dein elendes Drecksnest!“

"Habt ihr eigentlich ne ungefähre Ahnung, wie spät es ist?"

Katalanische Kataklysmen – Spanienurlaub verrückt


Blogstuff 132
“Nichts wird dich im Leben häufiger ficken als ein Windows-Computer.“ (Bill Gates)
Dating-Plattformen … - zu meiner Zeit ist man in die Disco, hat acht Bier getrunken und dann eine Frau angesprochen. Deswegen bin ich ja auch immer noch Single.
Ich bevorzuge ja Umfragen, wo nur noch mit Ja und Nein geantwortet werden kann – ohne Frage.
Hätten Sie’s gewusst? Ein Klobasnik ist ein tschechischer Snack. Wurst wird in einer Teigrolle eingebacken, es gibt auch Varianten mit Käse und Schinken, die sich durch Auswanderer bis nach Texas verbreitet haben.
Vor hundert Jahren brachten uns die Leute, die wir persönlich kannten, zum Lachen und zum Weinen. Heute sind es die Medien.
Wo es die Leute überall hin verschlägt – unglaublich. Ein Kumpel aus Kreuzberg ist inzwischen Professor an der Concordia Universität in Montreal.
Michael Palin hat am 21. August 1986 (!) einen geradezu visionären Text im Sunday Telegraph Magazine veröffentlicht. „Aber von der Technik drohen uns noch andere Gefahren. Zu den schlimmsten zählen Piepser und tragbare Funkgeräte. Wer ständig erreichbar ist, kann auch ständig überwacht werden. (…) Gesetzt, technische Neuerungen erlösen uns von der Bürde monotoner, langweiliger Tätigkeiten. Wie füllen wir dann unsere Zeit aus? Wir werden joggen – und Fitnesshallen bevölkern. (…) Um das Jahr 2050 hocken wir vielleicht alle wieder auf den Bäumen, während unten unsere Autos ohne Fahrer herumkurven und miteinander telefonieren.“
Hätten Sie’s gewusst? Bis 1958 war der Luchs das Wappentier von Luxemburg.
Hausarrest ist als Strafe für Kinder völlig aus der Mode gekommen, seit sie in ihren Zimmern Internet, Fernsehen, Stereoanlage und Smartphone haben. Eine Woche Smartphoneverbot ist vermutlich heute die Höchststrafe.
Schon die Diagnose des Orthopäden nach meinem Gichtanfall war niederschmetternd: Fettleber, zu hohe Cholesterin- und Harnsäurewerte, Bluthochdruck, Übergewicht. Schlimmer ist jedoch die vorgeschlagene Therapie: keine Medikamente, dafür mehr Bewegung, weniger Fleisch und Alkohol. Und ich dachte, die Medizin hätte Fortschritte gemacht.
Kennen Sie den Bulwer-Lytton Fiction Contest? Es geht darum, einen möglichst schlechten ersten Satz für einen imaginären Roman zu schreiben. Der Namenspatron, Edward George Bulwer-Lytton, ein Schriftseller aus dem 19. Jahrhundert, hatte einen Roman mit den berüchtigten Worten „Es war eine dunkle und stürmische Nacht“ begonnen – und der Rest der Satzes ist auch nicht besser.
http://www.bulwer-lytton.com/index.html
Wer erinnert sich noch an „Spiel ohne Grenzen“? Die Show gab es bis 1980 im deutschen Fernsehen. Ein Wettbewerb zwischen Städten, national und international, in denen die Unterhaltung des Publikums und nicht die sportlichen oder geistigen Fähigkeiten der Teilnehmer im Vordergrund standen. Leute in Löwenkostümen mussten auf rotierenden Scheiben einen Thron erreichen, in der englischen Version musste einmal ein Klavier mit Äxten so zertrümmert werden, das alle Teile durch ein vierzig Quadratzentimeter großes Loch passten, auf eingeseiften Matten mussten Hügel erklommen werden usw. Hatte eher was mit Kirmes, Karneval und Slapstick zu tun und war damals der große Spaß am Samstagnachmittag, bevor am Abend Rudi Carrell oder Hans-Joachim Kulenkampff die Show-Bühne betraten.
Hätten Sie’s gewusst? Das Morgenmagazin wird immer schon am Nachmittag des Vortags aufgezeichnet, weil kein Schwein Lust darauf hat, so früh aufzustehen. Nur die Nachrichten sind live.
Es soll jetzt gegen „Fake News“ und wahrscheinlich überhaupt gegen falsche Meinungen im Netz vorgegangen werden. Aber was ist eigentlich mit dem Blödsinn, den ich an der Theke, am Gartenzaun oder im Bus höre? Wann greift die Regierung endlich ein?
P.S.: Andy Bonetti wird Markenbotschafter für Tipp-Ex. Topautoren korrigieren ihre Fehler mit Tipp-Ex. Jetzt besonders günstig. Nur beim Fachhändler.
Terry Jacks - Seasons In The Sun. https://www.youtube.com/watch?v=cd_Fdly3rX8

Samstag, 27. Mai 2017

Terrorismus – erklärt mit dem AAS-Modell

Das „Allgemeine Anpassungssysndrom“ (AAS) nach Hans Selye bezeichnet das Reaktionsmuster des Menschen auf Stressreize.
Stufe 1: Alarmreaktion
Eine akute Anpassungsreaktion wird durch Stresshormone ausgelöst. 9/11. Panik Rumgeheule. Weltuntergangsstimmung.
Stufe 2: Widerstandsstadium
Man versucht, das aktuelle Stressniveau durch Beseitigung der stressauslösenden Faktoren zu verringern. Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien. „Krieg gegen den Terror“.
Stufe 3: Erschöpfungsstadium
Die permanente Aktivierung führt zu Störungen und zu Langzeitschäden. „Beispiele für Störungen aufgrund von andauerndem Stress sind verzerrte Wahrnehmungen und Denkweisen (kognitive Ebene), Befindlichkeitsstörungen wie Gereiztheit, Ängstlichkeit, Unsicherheit oder Aggressivität (emotionale Ebene). Weitere Folgen können verminderte Leistungsfähigkeit, ineffiziente Handlungsweisen sowie allgemeine Überforderung und Erschöpfung sein. Die Erschöpfung zeigt sich unter anderem darin, dass der Körper schneller in den genannten Aktivierungszustand (siehe "Alarmreaktion") gerät, wobei die Aktivierung intensiver ist und der Körper sich nur langsam wieder erholt (vegetativ-hormonelle Ebene). Langfristige Auswirkungen von Stress können die langfristige Beeinträchtigung des Wohlbefindens, psychosomatische und psychische Störungen sowie diverse Krankheiten (z. B. Magen-Darm-Krankheiten, Hautkrankheiten, Schlafstörungen, Depression, Burnout-Syndrom) sein.“ (Wikipedia: Allgemeines Anpassungssyndrom)
Modern English - I Melt With You. https://www.youtube.com/watch?v=LuN6gs0AJls

Freitag, 26. Mai 2017

Definition: Linker Intellektueller

Der linke Intellektuelle hat im Regelfall studiert und einen soliden Brotberuf in der Hinterhand. Er ist ein verständnisvoller Agnostiker, ahmt in seinem Duktus und Habitus – Erbauungspredigt und schwarze Kleidung – jedoch gerne seine Vorfahren aus dem Klerus nach. Sein Wertekanon ist republikanisch und lässt sich mit dem Dreiklang „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ umschreiben, wobei letzteres gerne geschlechtsneutral durch den Begriff „Solidarität“ ersetzt und auch auf Tiere und Pflanzen ausgedehnt wird. Er verbreitet seine Ansichten vorzugsweise in Kabarettprogrammen und Aufsätzen, die sich großer Beliebtheit und kleiner Wirkung bei seinem Publikum erfreuen. Der Bestand ist, entgegen der landläufigen Wahrnehmung, nicht gefährdet, wächst jedoch auch nicht mehr.
London Grammar - Truth Is a Beautiful Thing. https://www.youtube.com/watch?v=UPcPtd3k-Qg

Erich

Der Freund meiner Mutter war ein wunderbarer Versager, eine lebende Slapstick-Nummer. Ein einziges Mal im Leben wollte er sich im Urlaub die Schuhe putzen lassen. Er ließ sich also auf dem Stuhl des andalusischen Schuhputzers nieder und bekam die Schuhe geputzt. Es waren Ledersandalen, zu denen er die unvermeidlichen weißen Socken trug, ohne die deutsche Urlauber keine Sandalen anziehen. Natürlich konnte er die Socken später wegwerfen.
Einmal wollte er für meine Mutter eine Plastikrose auf der Kirmes schießen. Trotz vieler Versuche schaffte er es einfach nicht. Dann hat er dem Budenbesitzer eine Rose abgekauft. Sie hatte ihren Ehrenplatz am Küchenschrank meiner Mutter. Eine rote Rose aus Plastik. Wahnsinnig symbolisch für ihre Beziehung.
In der Küche war auch ein kleiner Ständer mit Briefen und Ansichtskarten. Darin fand ich den einzigen Liebesbrief von ihm. Er schilderte in diesem Brief einen Traum, in dem er von lauter Architekten umgeben war. Erklärung: mein Vater ist Architekt. Offenbar plagten den kleinen Angestellten eines Autozubehörhändlers deswegen Ängste.
Als ich an meiner Doktorarbeit schrieb, fragte er mich immer, was denn eigentlich ein Doktorand sei. Er sprach es mal wie Deodorant aus, mal wie Doktor Rand. Ich habe es ihm jedes Mal erklärt, er hat es nie begriffen.
Am Tag der Beerdigung meiner Mutter habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Das war vor zwanzig Jahren.
The Tubes - Talk to Ya Later. https://www.youtube.com/watch?v=3eHue2jSw3s

Der Vatertag lief super.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Hier hört dich keiner schreien, Carlos Malzdübler


Blogstuff 131
„Der Meister bemüht sich nicht um Macht, deshalb ist er wahrhaft mächtig.“ (Laozi)
Am Muttertag haben die Blumenhändler Hochkonjunktur, am Vatertag die Brauereien.
Trump twittert aus Europa: „Der Quarterpounder heißt hier Royal mit Käse.“
Vor dem „Jägerhaus“ im Binger Wald betrachte ich das helle Maigrün des Waldes. Zielstrebig kommt der Hund des Hauses, alle anderen Gäste ignorierend, auf mich zu. Er lässt sich unter meinem Tisch nieder und wird von mir ausgiebig gestreichelt und gekrault. Als mein prächtiges „Jägerhausschnitzel“ serviert wird, bekommt er seinen fairen Anteil: drei Stück. Pommes mag er nicht. Über Salat muss man mit so einem klugen Tier gar nicht erst diskutieren. Als ich gehe, läuft er mir freudig bellend zum Wagen nach, wo ich ihn noch einmal streichle. Dann trottet er zufrieden zurück. So geht das schon seit Jahren. Schnitzelfreunde forever.
Hätten Sie’s gewusst? Twitter wurde von dem Chinesen erfunden, der sich die ganzen Sprüche für die Glückskekse ausdenkt.
Traurig und beschämend, wie Italien in unserer Presse dargestellt wird, nur weil die aktuellen Wirtschaftsdaten nicht stimmen. Ich denke an Städte wie Neapel und Rom, Florenz und Venedig, Mantua und Bologna. Ich denke an die großartige Küche und den Wein. An Michelangelo und Leonardo da Vinci, das Kolosseum und den Petersdom. An ein köstliches Eis, das ich im Dezember im T-Shirt auf einer Piazza gegessen habe, an Metzgereien und Museen, an das Meer und Ferrari. Wir reden hier in Deutschland von Leitkultur – wie kläglich ist unsere Kultur im Vergleich mit Ländern wie Italien oder Griechenland.
Voll im Trend: Machen Sie es wie Andy Bonetti, der millionenschwere Literaturbaron aus Bad Nauheim. Er hat sich sechs Flamingos aus Plastik bestellt, die seinen Vorgarten aufwerten sollen.
In meinem Dorf gibt es einen Nachbarschaftsstreit, bei dem es um das Geräusch von Wasser geht. Aus einem Stein im Garten sprudelt Wasser und macht ein leises Plätschergeräusch. Das ist für die Nachbarn nachts eine Lärmstörung. Um Mitternacht wird jetzt per Zeitschaltuhr das Wasser abgeschaltet. So ruhig ist es hier auf dem Land.
Was ist eigentlich aus diesem Manfred Schluchz geworden, der vor einiger Zeit einen Ort namens Würgelen oder Würstelen mit einem Schlag auf die Weltkarte katapultiert hat?
Woddy Allen hat es geschafft. Ein Sandwich wurde nach ihm benannt. Davon träume ich seit meiner Kindheit. Ich zitiere die Speisekarte des Carnegie Deli in New York, Seventh Avenue: “The Woody Allen Sandwich - for the dedicated fresser only! lotsa corned beef plus lotsa pastrami.”
Warum sinkt der Stern der „Grünen“? Weil sie mit ihrer Ideologie des gesunden Lebens inzwischen perfekt in unsere Leistungsgesellschaft der Körperoptimalogen passen. Wir sollen nicht mehr rauchen, nicht mehr Alkohol und Drogen konsumieren, weniger oder am besten gar kein Fleisch mehr essen und überhaupt weniger Süßigkeiten oder andere angenehme Dinge kaufen. Der paternalistische Staat der ewigen Einmischung und Besserwisserei lässt grüßen. Die Grünen klingen so wie mein Chef oder ein Gesundheitsratgeber. Die ganze lebensfeindliche Optimierungsstrategie, die auch von McKinsey sein könnte. Die Grünen sind keine Alternative zur herrschenden Ideologie – sie vertreten die herrschende Ideologie. Und die Nummer mit den Windrädern und den Solarzellen hat inzwischen jede Partei in ihrem Bauchladen.
In meinem Garten brüten peruanische Bergtauben. Ganz seltene Vögel. Aber ich hänge sowas nicht an die große Glocke.
„Blinder Österreicher auf dem Mount Everest“, lese ich im Netz. Früher hätte ich mich unter Druck gesetzt gefühlt. Warum schaffe ich es im Vollbesitz meiner optischen Fähigkeiten nur bis zur Toilette? Jetzt lache ich endlich über solche Frontmeldungen.
P.S.: Witze über automatische Anrufbeantworter werden von diesem System nicht mehr unterstützt.
George Benson - Give Me The Night. https://www.youtube.com/watch?v=imYJpr09IgQ