Dienstag, 10. April 2018

Digitale Nacht

„Vergangenheit ist kein Geheimnis mehr, die Gegenwart ist dünn, weil sie abgetragen wird von Tag zu Tag, und die Zukunft heißt Altern.“ (Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein)
Fünf Monate war ich auf meinem Zauberberg im Hunsrück. Ich habe die Stille und die gute Luft genossen, jetzt geht es in den tosenden Lärm der Großstadt mit seinen todbringenden Miasmen, denen offenbar nur mit Fahrverboten beizukommen ist.

Meinen schwachen Nerven ist diese Zumutung, die das Leben in der pulsierenden Metropole™ für einen empfindsamen Geist darstellt, nur erträglich, wenn ich in dieser Zeit auf das infame Inferno der Informationen verzichte, mit denen uns die Geißel der Menschheit quält, jene Hydra, die uns via Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet Ängste in den Kopf setzt und sich von diesen Ängsten ernährt wie ein Vampir.

Für einen Monat verschwinde ich also in die digitale Nacht. Ich werde nicht online sein und mein uraltes Handy sendet auch kein GPS-Signal. Wo bin ich? Ich will es selbst nicht wissen. Wenn alles gut geht, melde ich mich wieder. Falls Sie nichts mehr von mir hören sollten, habe ich mein Leben grundlegend geändert.
Ich wünsche Ihnen, liebe Lesende, wie stets nur das Allerbeste.
The Comedian Harmonist - Irgendwo Auf Der Welt. https://www.youtube.com/watch?v=iaoSiklAXiU

Ein überraschendes Ende

„Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“ (Novalis)
Es war schon Mitternacht, als ich beschloss, mir noch ein paar eiskalte Dosen Bier zu spendieren. Ich war gerade auf dem Weg zur Tankstelle, als ich aus einem dunklen Hauseingang angesprochen wurde.
„Darf ich Sie mal was fragen?“
„Ich habe kein Geld“, antwortete ich genervt und durstig, und obwohl es sich um eine Lüge handelte, empfand ich keinerlei Reue.
„Was ist Geld?“ fragte die Stimme.
„Woher kommen Sie?“ fragte ich zurück. Die Stimme hatte einen merkwürdigen Akzent, vermutlich ein Ausländer. Offensichtlich kein Bettler, sondern ein Tourist. Die wollen Informationen, kein Geld.
„Von sehr weit her.“
„Um was geht’s denn?“ fragte ich ungeduldig.
„Was sollte man sich an diesem Ort anschauen? Was meinen Sie?“
„Fangen Sie mit dem Reichstag an“, sagte ich. „Dann gehen Sie durch das Brandenburger Tor und Unter den Linden bis zum Alex.“
Im Hauseingang leuchtete ein kleines rundes Display auf. Die Stimme studierte vermutlich eine Karte.
„Kann ich diesen Reichstag haben? Er sieht sehr alt aus.“
Was? Der Typ war ein echter Spaßvogel. Aber das kann ich auch. „Na klar. Ich verkaufe Ihnen den Reichstag für eine Million Euro. Haben Sie so viel Geld in bar einstecken?“
„Was ist Geld?“
Ach so, das hatte ich ganz vergessen. „Kein Problem. Wissen Sie was, ich schenke Ihnen den Reichstag. Aber Sie können ihn erst morgen Vormittag um elf Uhr mitnehmen.“
Ich wusste, dass zu diesem Zeitpunkt der gesamte Bundestag und die Regierung dort versammelt waren, um einer Rede der Bundeskanzlerin zu lauschen.
„Das ist sehr nett von Ihnen. Kann ich Ihnen als kleines Dankeschön auch etwas schenken?“
„Klar. Wie wäre es mit einem Sixpack?“
„Was ist ein Sixpack?“
„Vergessen Sie’s. Schönen Abend noch.“
Da reichte mir eine dürre Hand mit sehr vielen Fingern einen Beutel. Ich nahm ihn und ging.
Was soll ich sagen? Am nächsten Tag um elf Uhr verschwand der Reichstag. Merkel war weg. Seehofer, Nahles und die AfD - alle weg. Einfach weg. Das ganze Raumschiff Berlin war ins Weltall verschwunden.
Im Beutel des Besuchers aus einer anderen Welt waren kleine Kekse, die nicht nur besoffen machten, sondern auch schön und schlank. Sie regen mich bis heute zu meinen Erzählungen an. Möge der Beutel niemals leer werden.
The Police - Too Much Information. https://www.youtube.com/watch?v=jUwd737mioM

Montag, 9. April 2018

Exklusiv: Was in der Wohnung des Amokläufers gefunden wurde

Die Polizei hat die Wohnung des Amokläufers von Münster folgende Gegenstände gefunden bzw. nicht gefunden, die Rückschlüsse auf die Motivation des Täters zulassen:
„Wenn der Lieferfahrer nicht mehr klingelt“, das neue Buch von Andy Bonetti. Vermutlich wird in den nächsten Minuten die Kiezschreiber-Redaktion von der GSG 9 gestürmt.

Eine Flasche Wodka. War klar gewesen. Die Russen stecken dahinter.
    Eine Tüte Haribo Colorado. Haben die Zuckermafia oder die CIA den Täter manipuliert?
      Ein stark zerlesenes Exemplar des „Wachturm“. Also doch ein religiöses Motiv?
        Ein Manifest, geschrieben auf der Rückseite eines Bierdeckels: „Die Gesellschaft ist an allem Schuld“. Müssen wir über die soziale Kälte® in Deutschland reden?
          Eine DVD von „Aladdin“. Ein Bekenntnis zum IS?
            Im Kühlschrank fanden sich weder Schinken noch Wurst. Sind Vegetarier grundsätzlich als Gefährder einzustufen?
              Nirgendwo war das Parteiprogramm der CDU. Merkel ist wieder fein raus.



              Wie Münchhausen den Krieg gewann

              „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (Bibel: 1 Kor 15, 55)
              Bald ist es dreißig Jahre her, dass die Berliner Mauer fiel, und manch einer kann sich gar nicht mehr an den Kalten Krieg erinnern, oder er ist zu jung, um es selbst erlebt zu haben.
              Ost und West standen sich vierzig Jahre unerbittlich in diesem Krieg gegenüber. Aber die Bataillone, die in diesen Jahren täglich in die Schlacht zogen, trugen keine Waffen. Es war ein Krieg der Worte und der Bilder, es war in erster Linie ein Propagandakrieg, da man sich scheute, die fürchterlichen atomaren Vernichtungswaffen zum Einsatz zu bringen. Wer macht die beste Werbung für seine Lebensweise, für seine Gesellschaftsform? Der Westen hat diesen Kampf gewonnen. Die Marktwirtschaft als Meisterin der Selbstvermarktung.
              Wie immer, wenn es um Reklame, um Propaganda geht, müssen wir von der Lüge sprechen. Die Frage lautet also präzise: Wer hat besser gelogen? Vergleichen wir nur mal die Presse, das Fernsehen und das Radio in der BRD und der DDR. Die Produktwerbung im Westen war viel verführerischer als im Osten. Die Filmkulissen waren schöner. Die Schokolade und das Schnitzel schienen in Frankfurt am Main besser zu schmecken als in Frankfurt an der Oder. Die Verheißungen und Verlockungen des Westens weckten Begierden im Osten, umgekehrt funktionierte das überhaupt nicht.
              Die Schutzmacht des Westens – Uncle Sam, der große Bruder – war einfach sexy: Coca-Cola, Hollywood, Rock’n Roll, Jeans, Cheeseburger und elegante Limousinen. Alles, was aus den USA kam, wurde blind verehrt und nachgeäfft. Die Schutzmacht des Ostens – Onkel Wanja, die Sowjetunion – war bestenfalls langweilig, aber eigentlich bedrohlich und hässlich zugleich. Soljanka, Archipel Gulag, Wodka und Mangelwirtschaft. Ein Schwarz-Weiß-Film, der keinerlei kulturellen Einfluss auf Europa hatte.
              Und so kam es, dass der Osten den verlogenen Schmeicheleien des Westens erlegen ist. Der Wolf hatte Kreide gefressen und als die sieben Geißlein die Tür geöffnet haben, war es zu spät. Sie erkannten, dass es den ganzen Luxus im Westen tatsächlich gab, aber nicht für jeden. Jetzt hatten sie zwar Reisefreiheit, aber kein Geld, um nach Italien zu fliegen. Jetzt gab es Kaffee und Bananen in Hülle und Fülle, aber keine Garantie, sich alles leisten zu können.
              Die Sicherheit ihres Lebens im Osten hatten sie aufgegeben für einen Platz am Roulettetisch des Casinokapitalismus. Werde ich morgen noch Arbeit haben? Wie wird es meinen Kindern einmal gehen? Die Wahlen zum Bundestag sind wie die Wahlen zur Volkskammer: man darf zwischen identischen Blockflöten auswählen. Die Überwachung des Privatlebens funktioniert dank „westlicher Technologie“ wie zu den besten Stasi-Zeiten. Die Freiheit wird – aus Gründen der Sicherheit (das „Supergrundrecht“ laut CSU), wegen der Gefahr des Terrorismus, der neuen Propagandakeule – immer weiter eingeschränkt.
              Die Propagandaschlachten von einst sind geschlagen. Es gibt keine Alternative mehr. Wir sitzen in der Falle. Der Weg zurück ist versperrt. Nur wenige Jahrzehnte später, geprägt durch die tägliche, ununterbrochene Gehirnwäsche der Medien, der Reklame und der Politik, kann man sich ein anderes Leben gar nicht mehr vorstellen. Der Wolf kann sich derweil den Kapitaleinsatz für die Kreide sparen. Die Geschichte wird erst in eine neue Phase treten, wenn alle sieben Geißlein verschlungen und verdaut sind.
              The Brothers Johnson - Stomp! https://www.youtube.com/watch?v=tPBDMihPRJA

              Sonntag, 8. April 2018

              Wie die Medien Terror definieren

              Wenn ein arischer Christ in eine Menschenmenge rast und sich anschließend erschießt, ist es kein Terror.
              Wenn ein Muslim mit Migrationshintergrund dasselbe tut, ist es Terror.
              Wenn auch nur der Verdacht besteht, die Russen könnten in einem anderen Land einen Mordversuch unternommen haben, ist es Terror.
              Wenn die Amerikaner jeden Tag mit ihren Drohnen die Bürger anderer Länder ermorden, ist es kein Terror.

              Typologie des Restaurantbesuchers

              „Ich halte nichts vom Recht des Menschen auf Arbeit; ich halte es lieber für das größte Recht des Menschen, nichts zu tun.“ (Gioacchino Rossini)
              Sie sagen mir, was Sie am liebsten im Restaurant bestellen, und ich sage Ihnen, welcher Typ Sie sind:
              Jägerschnitzel: Der Jägerschnitzel-Esser ist ein ausgesprochener Erfolgsmensch und sehr unkompliziert.
              Pizza: Auf den Pizza-Esser kann man sich verlassen, er ist ein Genussmensch, der seine Liebsten gerne mit einem Stück seiner Speciale oder Diavolo verwöhnt.
              Gyros: Der Gyros-Esser ist körperlich und geistig immer in Bewegung, er ist neugierig und sehr kommunikativ.
              Bami Goreng: Der Bami-Esser ist ein gefühlvoller Mensch und daher als Tischgenosse sehr beliebt.
              Tandoori Chicken: Der Tandoori-Esser ist ein stolzer Mensch, der gerne im Mittelpunkt steht, aber auch ein großes Organisationstalent besitzt.
              Spaghetti Bolognese: Spaghetti-Esser sind schüchtern und bescheiden, aufgrund ihrer offenen Art können sie aber auch schnell Kontakte knüpfen.
              Burrito: Der Burrito-Esser braucht Harmonie und Ausgewogenheit, Streit mag er nicht, Geselligkeit hingegen sehr.
              Rumpsteak: Der Rumpsteak-Esser strotzt vor Energie, was ihn beruflich sehr erfolgreich macht und auf das andere Geschlecht anziehend wirkt.
              Kaiserschmarrn: Der Kaiserschmarrn-Esser sprüht vor Freude und Optimismus, er liebt seine Freiheit, aber auch neue Herausforderungen.
              Peking-Ente: Der Enten-Esser arbeitet hart und erlaubt es sich erst zu entspannen, wenn er sein Ziel erreicht hat.
              Cheeseburger: Der Cheeseburger-Esser ist erfinderisch und originell, er ist freundlich und hilfsbereit.
              Thai-Curry: Der Curry-Esser verfügt über eine gute Intuition, leider wird er häufig von anderen Menschen ausgenutzt.
              Melt Downer - Back Down For The People Of The Past. https://www.youtube.com/watch?v=qBN_apIfY94