Dienstag, 11. Juli 2017

Sommerloch

„Seid überzeugt, dass das Geheimnis des Glücks die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut ist.“ (Perikles)
Liebe Einbrecher!
Ich bin die nächsten fünf Wochen nicht zu Hause. Ich werde die Zeit in Berlin verbringen, wo ich mit meiner neuen Band „Empty Teens“ in einigen Clubs spielen werde (Käse & Zweifel-Tour 2017). Nehmt bitte nur mit, was Ihr wirklich braucht. Lasst mir die alten MAD-Hefte und meine Matchbox-Autos, v.a. den Lamborghini Miura.

Ich empfehle allen Leserinnen und Lesern, während meiner Abwesenheit die knapp zweitausend Blogposts noch einmal zu lesen. Glutenfreier Spaß für die ganze Familie. Vergessen Sie nicht die Worte unseres großen Meisters:
„Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Monsignore Stracciatella, äh … nein, es ist natürlich Andy Bonetti, von dem hier die Rede ist)
P.S.: Für die Kiezschreiber-Sommerpause hat Ackerboy eine großartige Geschäftsidee: http://ackerbaupankow.blogspot.de/2017/07/geschaftsidee.html
Der Sommerohrwurm: https://www.youtube.com/watch?v=kYO6gUlzhqE

Montag, 10. Juli 2017

Schach mit lebenden Figuren – Hamburg revisited

„Civil disobedience is not our problem. Our problem is civil obedience.” (Howard Zinn)
Wann hat dieses Schachspiel mit lebenden Figuren begonnen? Lange vor unserer Geburt, so viel ist gewiss. Ich beschränke mich in der Analyse also auf die letzte Partie, die in Hamburg gespielt wurde.
Wie nennen wir die Spieler? „Das System“ vs. „Die Revolution“? „Oben“ gegen „Unten“? Weißes Haus meets schwarzen Block? Der Staat trifft auf seine Kritiker? Suchen Sie sich was aus. Da der Staat die Partie begonnen hat, hat er die weißen Figuren, passenderweise haben seine Gegner die schwarzen Figuren.
Weiß, Zug 1
Das große Jahrestreffen der mächtigsten Politiker der Welt findet in Hamburg statt. Bekanntlich sind Hamburg und Berlin die Heimat der Autonomen und aktionsorientierten Linken. In Hamburg wiederum ist St. Pauli der konkrete Ort der „Szene“ – dort sind auch die Messehallen, die für den G20-Gipfel genutzt werden sollen. Begründung: Man wolle näher am Volk sein. Gleichzeitig wird bekannt, dass man sich von einer Armee von 20.000 Polizisten – das Militär wartet im Hintergrund - vor diesem Volk zu schützen gedenkt. Eine Kontaktaufnahme mit gezogenem Revolver.
Schwarz, Zug 2
Es wird eine Demonstration mit dem Titel „Welcome to hell“ angemeldet. Auf der Homepage heißt es ganz klar „BLOCKIEREN – SABOTIEREN – DEMONTIEREN“. Demo heißt nicht nur Demonstration, sondern auch Demontage. Ganz offen wird ein „Aktionsbild“ publiziert, in dem es heißt: „sehen wir die internationale antikapitalistische Demonstration als Auftakt zur ‚heißen Phase‘ der direkten Aktionen und Blockaden gegen den G20-Gipfel.“
Weiß, Zug 3
Trotz dieser offenen Ankündigung der nächsten Züge reagiert Weiß nicht defensiv, sondern genehmigt die Demo. Als die Demo stattfindet, wird sie sofort und massiv von der Polizei angegriffen, obwohl sich der Demonstrationszug noch gar nicht in Bewegung gesetzt hat. Später heißt es, ein Betrunkener hätte eine leere Flasche geworfen. Nennen wir ihn Horst Gleiwitz.
Schwarz, Zug 4
Schwarz baut Barrikaden im eigenen Revier, dem Schanzenviertel, schmeißt Scheiben ein, legt Brände, zündet Autos an, plündert Geschäfte.
Weiß, Zug 5
Weiß reagiert über viele Stunden nicht auf die Straftaten, die unmittelbar vor ihm begangen werden. Erst als die Teilnehmer des G20-Gipfels sicher in ihren Hotelbetten sind, beginnt die Polizei, sich dem Schanzenviertel zuzuwenden.
Schwarz, Zug 6
Schwarz bereitet sich auf die Erstürmung des Schanzenviertels vor. Die Situation soll weiter eskalieren. Molotow-Cocktails und Gehwegplatten sollen von den Dächern auf die Polizisten regnen.
Weiß, Zug 7
Weiß nimmt das Angebot einer Eskalation an und schickt Spezialeinheiten mit automatischen Waffen zur Räumung des Viertels. Beide Seiten sind nun an einem Punkt angelangt, an dem man Tote in Kauf nimmt. Schwarz könnte von einem zweiten Benno Ohnesorg strategisch profitieren, Weiß könnte von einem toten Polizisten strategisch profitieren.
Schwarz, Zug 8
Schwarz gibt auf. Weiß wird den Sieg in den kommenden Tagen medial nutzen. Sozialdemokratische, grüne und linke Politiker und linke Aktivisten – vom Hamburger Bürgermeister bis zur Antifa – werden öffentlich angegriffen. Es werden „schärfere“ Gesetze und „härtere“ Urteile der Justiz gefordert. Der Bevölkerung wird klar gemacht, wer die Beschützer und wer die Feinde der Gesellschaft, des Eigentums und der Freiheit sind.
Fazit: Der Staat braucht die Gewalttäter und Hooligans ebenso wie den Terrorismus, um sich zu legitimieren. Welcome to paradise.
Procol Harum - A Whiter Shade Of Pale. https://www.youtube.com/watch?v=Mb3iPP-tHdA

Sonntag, 9. Juli 2017

„Du Nazisau“ - Populärkulturelle Invektiven als Form ritualisierter Kommunikation im Kontext sozialer Medien


Blogstuff 142
„Es blitzt, es donnert, und der Regen steppt über die Straße wie Popcorn in einer heißen Pfanne.“ (Andreas Glumm)
Fünfzehn Minuten Nachrichten genügen, um den Zorn-Akku wieder aufzuladen.
So viele Menschen haben den Tod verdient – aber dann sterben Gunter Gabriel und Chris Roberts. Deutschlands Antwort auf den Tod von David Bowie und Prince.
Ladenschild der Woche: „Ankauf von Trödel – Verkauf von Antiquitäten.“
Worte reduzieren die Welt auf das menschliche Niveau.
Farben: Die graue Maus mit dem Silberblick sah goldig aus, nachdem sie etwas Rouge aufgetragen hatte. Der Typ im Blaumann trinkt eine Berliner Weiße und hat seinen schwarzen Humor nicht verloren, obwohl er tief in den roten Zahlen steckt.
Die ultimative Mutprobe: Ich mache direkt gegenüber von Erdogans Palast eine Imbissbude auf und verkaufe Schweinefleisch-Döner.
„Plötzlich ergab alles einen Sinn.“ Einer meiner Lieblingssätze in Romanen.
Nerdic Walking: Mit riesigen Kopfhörern und den Blick aufs Display des Smartphones gesenkt durch den Wald laufen.
Nehmen wir mal an, ein Delta-Tier des hiesigen Politikbetriebs gibt in der Sommerpause einen Kommentar auf Twitter ab. Der Kommentar wird hundertfach im Netz kommentiert, worauf die Kommentare zu diesem Kommentar kommentiert werden. Kaskadenförmige Zeitverschwendung. Es wird auf diese Weise auch keine Öffentlichkeit hergestellt, denn es entstehen keine echten Kontakte zwischen den Kommentatoren, die politisch wirksam werden könnten. Soziale Medien als Politiksurrogat – demnächst noch kontrolliert und zensiert von den Konzernen und vom Staat.
Würde es helfen, wenn der Computer laut lachen würde, wenn jemand einen schwachsinnigen Kommentar oder eine dämliche Frage eingibt?
Hätten Sie’s gewusst? Es gab nur zwei Attentate von Frauen auf einen US-Präsidenten. Beide Male war Gerald Ford das Ziel. Lynette Fromme, Mitglied der Manson-Familie, versuchte es am 5.9.1975, Sara Jane Moore, Mitglied einer maoistischen Guerillatruppe, am 22.9.1975. Ford blieb unverletzt, beide Frauen bekamen lebenslange Haftstrafen und sind inzwischen wieder auf freiem Fuß.
Idee für ein Denkmal: Ein übergewichtiger Mann mittleren Alters in Unterwäsche und Hausschuhen, der ein Dosenbier in der Rechten hält und sich mit der Linken am Hintern kratzt. Widmung: „Dem unbekannten Konsumenten.“ (Notizbuch, 23.1.2000)
Der Verkaufstresen am Rande der Unendlichkeit: Raumausstatter Orion. „Die oberste Raumbehörde gibt Alpha-Order.“ Was wollt Ihr: ein galaktisches Deutschland oder eine deutsche Galaxis?
Erfolg ist nur der Beifall von Fremden.
Es gibt übrigens längst die klassenlose Gesellschaft. Wir finden sie auf unseren Friedhöfen. Keiner ist toter als der andere. Zum Tod gibt es weder einen Komparativ noch einen Superlativ. Der Sensenmann ist der große Gleichmacher. Unsere lebenslange Reise in den Tod hat für alle dasselbe Ziel.
28 Länder dieser Erde habe ich mir auf meinen Reisen angeschaut. Das größte Land war die Sowjetunion, das kleinste die Vatikanstadt. Meine Favoriten: Brasilien (Menschen), Japan (Kultur), Italien (Städte) und die Schweiz (Landschaft).
Vorsicht! Literatur gefährdet Ihre fortschreitende Verblödung.
Bonetti will nichts von dir. Er nimmt dich auf, wenn du kommst, und er entlässt dich wenn du gehst. So wie Kafkas Gericht, Kubricks Hotel oder das Leben selbst.
Hätten Sie’s gewusst? In seinem autobiographischen Roman „Durst und andere Männergefühle“ bezeichnet Bonetti sein Haus in den Weinbergen als „Overlook Ranch“. Sein Arbeitszimmer heißt „Room 237“ – seine Toilette jedoch „Ground Zero“.
Blondie - Hanging On The Telephone. https://www.youtube.com/watch?v=E0U_dzYtWyE

Stanley Kubrick – Selfie von 1949.

Samstag, 8. Juli 2017

Hamburg

So werden Jugenderinnerungen geschaffen. Eine Nacht an den brennenden Barrikaden von Hamburg ist das unvergessliche Kleinod, von dem man noch bis ins hohe Alter an den Theken dieser Welt erzählen kann. Was ist dagegen ein Parteitag der Jungen Union? Der G 20-Gipfel als romantischer Sommertraum.
Derweil bot sich ein bizarres Bild: die mächtigsten Politiker der Welt sitzen gemeinsam in der Oper und lauschen Beethoven, bewacht von Sicherheitskräften in Divisionsstärke, während draußen vor der Tür die Stadt brennt. Nero hätte ein Gedicht geschrieben.
Immerhin hat die Polizei nach Mitternacht die Plünderungen beendet und die Brände gelöscht, nachdem die Machtelite das Kulturprogramm und das Galadinner absolviert hatte und alle Gipfelteilnehmer wieder sicher in ihren Hotels waren. So konnten endlich auch die jungen Demonstranten und die Beamten ins Bett.
Waren es Linke, die in Hamburg revoltiert haben? Warum haben sie dann Fahrradläden angegriffen und die Autos der Normalos abgefackelt? Warum haben sie ihren eigenen Szenebezirk, das Schanzenviertel, in Schutt und Asche gelegt? Sie hatten die Mächtigen dieser Erde einmal im Leben komplett wenige hundert Meter vor der Nase – und klauen Wodka??? Das ist so erbärmlich, dass ich gar nicht glauben kann, dass es Linke sind. Da fehlen mir die Worte. Der Schnaps in der Hand ist besser als die Merkel auf dem Dach, oder was? Eine Blamage …
P.S.: Quo vadis, Ulm?
"Gestern, am 07.07. um 18 Uhr fanden sich am Einsteindenkmal in Ulm ca. 30 Leute zusammen, um spontan gegen die massive Polizeigewalt in Hamburg zu protestieren." (Indiamedium)
Widerstand & schönes Wetter - you can't beat the feeling.
Cocteau Twins - Aikea-Guinea. https://www.youtube.com/watch?v=cl3lrcLzbGw
P.P.S.: "Wenig später stürmten die ersten Vermummten den Laden, klauten vor allem Alkohol, aber auch gängige Lebensmittel wie Toast, Schokoriegel, Gemüse." (faz.net)
Alkohol und Schokolade: völlig klar. Toast => brennende Barrikade. Gut. Aber Gemüse???
"Ist Weibsvolk anwesend?"

Die Nacht hat Augen

„Sie steigern den Verkaufserfolg ihres Buches, wenn Sie behaupten, Sie hätten mit diesem Werk den Tod Ihres besten Freundes oder Ihres krebskranken Shetlandponys verarbeitet.” (Andy Bonetti: 99 Tipps für den erfolgreichen Autor)
Es war weit nach Mitternacht, als mein Meister endlich an das Tor klopfte. Die Kerzen auf dem Kandelaber waren schon heruntergebrannt, als ich ihm öffnete. Er sah erschöpft aus, zugleich flackerten seine Augen wild im Licht der Kerzen.
„Du musst mir einen jungen Mann besorgen“, sagte er und ging an mir vorüber ins Wohnzimmer.
„Was ist geschehen?“ fragte ich ihn besorgt.
„Schweig!“ rief er. Dann starrte er lange in die vergehende Glut des Kaminfeuers.
***
In den nächsten Tagen trieb ich mich in den einschlägigen Studentenkneipen herum. Ich versuchte es mit Schmeicheleien und Verlockungen. Aber für einen kleinen buckeligen Mann, der kaum auf einen Barhocker kommt, ist es schwer, selbst wenn er sexuelle Ausschweifungen, kostenlose Drogen oder Eintrittskarten für Borussia Dortmund anzubieten hat.
Der Meister wurde ungeduldig und so änderte ich meine Taktik. Ich wartete am Bahnhof, bis ein unschuldiger Jüngling mit einem großen Koffer ausstieg. Er wirkte so verloren – er musste der Richtige sein. Ich folgte ihm in den Stadtpark, wo er sich auf einer Bank ein wenig ausruhte.
Ich setzte mich neben ihn und begann eine belanglose Plauderei. Er sei zum Studium der Sozialpädagogik in die Stadt gekommen. Dann hätte er ja nichts dagegen, mit einem Behinderten einen Schluck zu trinken, sagte ich lachend. Während ich von meiner schweren Zeit im Waisenhaus erzählte, holte ich eine Flasche Wein hervor und tat so, als ob ich tränke.
Der junge Mann, der aus einem Weindorf in der Pfalz stammte, setzte die ihm angebotene Flasche beherzt an und war alsbald sanft entschlummert. Die KO-Tropfen hatten gewirkt. Ich rief telepathisch den Meister, der uns mit einem gestohlenen Krankenwagen unauffällig aus dem Park abholte.
***
Nachts im Laboratorium. Ein schwindelerregend hoher Tesla-Transformator und viele Maschinen mit blinkenden Lichtern beherrschten den Raum und warfen riesige Schatten an die Wände.
Der Meister hatte mich sorgfältig instruiert. Er lag auf einem Operationstisch, neben ihm der betäubte junge Mann. Für diese Nacht war ein schweres Gewitter angekündigt. Sobald ein Blitz in den Transformator einschlug, sollte ich mit der Operation beginnen.
Mir lief der Angstschweiß über die Stirn und den Rücken hinunter bis in meine Gummistiefel. Das Skalpell zitterte in meinen Händen, der Whisky beruhigte erst allmählich meine Nerven. Nach Stunden des Wartens donnerte es. Dann schlug ein mächtiger Blitz mit lautem Krachen ein. Es konnte beginnen.
***
Am nächsten Morgen konnte ich mich an nichts mehr erinnern. Der junge Mann weckte mich und sagte mit sanfter Stimme: „Gut gemacht, Igor.“
Ich hatte es tatsächlich geschafft. Ich hatte die beiden Gehirne vertauscht.
***
Der Meister wurde inzwischen von der Polizei wegen vielfachen Mordes gesucht. Wir ließen den Studenten, dessen Gehirn jetzt im Körper meines Meisters war, genesen und brachten ihn in die Stadt. Dann riefen wir die Polizei.
Der Rest ist schnell erzählt. Während mein Meister im Körper eines anderen Menschen unbehelligt weiterlebte, wurde der Student vor Gericht gestellt. Augenzeugenberichte, Fingerabdrücke, Tatmotive. Der Richter hatte es nicht schwer.
Noch auf dem Weg zum Schafott beteuerte er seine Unschuld.
Brian Hyland - Sealed with a kiss. https://www.youtube.com/watch?v=xIkUiD8N81k

Foto: Danke, Ackerboy!

Freitag, 7. Juli 2017

Das dunkle Haus

Anfang der achtziger Jahre hielt Arthur F. Burns, der damalige US-Botschafter in Bonn, eine Rede vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Darin fiel folgender Satz: „Die Ziegel des atlantischen Gebäudes waren Geld, Technologie und Waffen; der Mörtel aber, der sie zusammenhielt, waren das gemeinsame Erbe und die gemeinsamen Werte der abendländischen Kultur.“
Das Haus ist ziemlich runtergerockt. 2017 spricht Angela Merkel nur noch von einem Wertefundament. Von Fenstern, durch die man in die Welt schaut, oder von Türen, durch die man andere Kulturen hereinbittet, war ohnehin noch nie die Rede, wenn die Metapher vom Haus bemüht wird. Da geht es um betonharte Fakten, um die Steine, aus denen dieser Wehrturm namens „Westen“ geschaffen wurde.
So wirkt auch das aktuelle G 20-Treffen der selbsternannten Weltregierung. Man kann keinen Blick hinter die Fassade werfen. Das Haus ist von hohen Mauern umgeben, die von einer Armee bewacht werden. Steht das Haus in einer Stadt oder kann man die Nachbarhäuser von dort aus gar nicht sehen? Brennt überhaupt noch Licht? Ohne Fenster ist es schwer zu sagen. Vielleicht ist es auch ein Hochbunker oder eine Festung?
Warten wir die Reden der beteiligten Politiker ab. Wir dürfen uns auf „zentrale Bausteine“ freuen, auf „Säulen“ und „Eckpfeiler“ sowie diverse „Ebenen“. Schließlich muss das Haus ja vor dem Einsturz bewahrt werden – falls es nicht ohnehin auf Sand gebaut wurde. „Baumeister“ werden sie sich nennen und von einer „neuen Architektur“ sprechen, als wäre es das Jahrestreffen der Freimaurer. Jedes Gebäude teilt die Welt in ein Innen und ein Außen. Aber um das zu erkennen, braucht man Licht.

Stanleys Mondfahrt

“Wo ist die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben? Wo ist das Wissen, das wir in der Information verloren haben?” (T.S. Eliot)
Es ist unter Freunden der gepflegten Verschwörungstheorie ein Dauerbrenner: War die Mondlandung ein Fake? Weisen die Aufnahmen nicht eklatante Fehler auf? The Great Space Swindle als Teil des Kalten Krieges um propagandistische Erfolge gegenüber dem Systemgegner? Ich vermute, beide Seiten haben in diesem Streit recht.
Ja, es gab die Mondlandung wirklich. Mit unseren Teleskopen können wir die Hinterlassenschaften der Apollo-Missionen erkennen, auf der Erde haben wir kiloweise Gesteinsproben von unserer Totgeburt. Und für eine Fake-Landung hätte man nicht weitere fünf Crews bis zur Einstellung des Programms 1972 auf den Mond schicken müssen.
Ja, Aufnahmen, die eine Mondlandung zeigen sollen, sind auf der Erde in Filmstudios entstanden. Die entscheidende Frage ist doch: Ist es legitim, ein tatsächliches Ereignis mit gefälschtem Material zu dokumentieren?
In den Wochenschauen des Kinos und später im Fernsehen wird bis heute nach diesem Prinzip gearbeitet. Das Problem ist ganz einfach und tritt regelmäßig dann auf, wenn es für Kameraleute und Fotografen zu gefährlich ist oder es aus technischen Gründen nicht möglich ist, Ausrüstung zu transportieren und bereitzustellen: Es gibt von entscheidenden Ereignissen keine Bilder.
Im 19. Jahrhundert reichte es den Menschen, von einem Ereignis in der Zeitung zu lesen. Ein Korrespondent berichtete z.B. von einem Krieg, in dem er Augenzeugen und Pressesprecher interviewte. Vielleicht hat er auch nach einer Schlacht den Schauplatz besichtigt, aber er war nicht bei den ersten Männern, die eine Festung eroberten. In jedem Krieg stehen Soldaten an vorderster Front, keine Kameraleute und Fotografen.
Im 20. Jahrhundert begann das Zeitalter des Bilds. Die Menschen wollten ein Ereignis nicht nur erzählt bekommen wie in den Jahrtausenden zuvor, sie wollten es sehen. Wie macht man aber z.B. die Landung der Alliierten in der Normandie sichtbar? Man kann nicht erst ein Kamerateam an den Omaha Beach bringen, das die Soldaten zeigt, die aus den Booten springen. Es gibt also keine Nahaufnahmen von der Invasion. Sie wurden später für die Wochenschau nachgespielt.
Was sehen wir wirklich, wenn wir Bildaufnahmen vom Krieg sehen? Männer an Kanonen, rollende Panzer, startende Flugzeuge. Es kracht und blitzt, zu sehen ist nischt. All diese Aufnahmen sind nur gestellt, weil sich die Produktion echter Bilder in der Praxis nicht durchführen lässt.
Es gibt noch eine zweite Möglichkeit, ein Ereignis sichtbar zu machen: das Symbolbild. Sie kennen sicher die berühmte Fotografie, auf der ein paar Amerikaner eine Flagge auf Iwo Jima aufrichten. Das war nicht am Tag der Schlacht, sondern Tage später. Eine Inszenierung. Und im Prinzip hätte man die Flagge auch in Iowa in die Erde stecken können. Wer von uns kann mit Sicherheit sagen, dass es auf der Insel Iwo Jima war?
Auch das Bild, auf dem der Rotarmist eine sowjetische Flagge auf dem Reichstag hisst, ist erst Tage später noch einmal nachgestellt worden. Ansonsten hätte ein Fotograf während der Kampfhandlungen dem Soldaten aufs Dach des Reichstags folgen müssen. Für die Presse ist aber bekanntlich der Zutritt zum Kriegsschauplatz verboten. Er wäre als Zivilist nur im Wege und ohnehin gesundheitlich stark gefährdet.
Wichtig ist nicht die Authentizität des Bildes, sondern die Tatsache, dass ein Ereignis tatsächlich stattgefunden hat. Die Eroberung von Berlin, die Schlacht um Iwo Jima, die Invasion der Alliierten – all das ist real. Wie die Mondlandung. Aber es war vermutlich nicht möglich, auf die Reise von Apollo 11, wo jedes Kilogramm Gewicht berechnet werden muss und jede zusätzliche Last zusätzlichen Treibstoffverbrauch bedeutet, eine Kameraausrüstung mitzunehmen, die für die nötige Qualität der Bilder gesorgt hätte.
Eine These, die schon häufiger geäußert wurde, besagt, Stanley Kubrick habe die Bilder für die NASA produziert. 1969 hat er an „2001“ gearbeitet und hatte also das Knowhow. Außerdem gibt es in „Shining“ einige Anspielungen von ihm auf dieses Thema. Warum nicht? Neil Armstrongs berühmter Satz bei der Landung soll ja auch angeblich vom Schriftsteller Arthur Miller im Auftrag der NASA geschrieben worden sein und ist ihm nicht spontan beim Betreten der Mondoberfläche eingefallen. Diese Rätsel werden uns sicher noch lange erhalten bleiben.
Duran Duran - New Moon on Monday. https://www.youtube.com/watch?v=h7n6Lgh4SZs