Donnerstag, 25. August 2016

Ein Bild ohne Farben

„Ein Tourist, befragt, welche deutschen Städte er kenne, sagte lakonisch: Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald, Flössenbürg, Gardelegen, Ravensbrück.“ (Josef W. Janker: Der Umschuler)
Tat ein Jahr geplant, Vorbilder, Zeitungsausschnitte über vergangene Amokläufe und Fotos, die er im Vorjahr an Orten des Amoklaufs von Winnenden aufgenommen hatte, verfasste ein Manifest, der 18-jährige Schüler soll unter Depressionen gelitten haben, Eltern des Täters noch nicht vernehmungsfähig, Waffe im Darknet beschafft, Angststörung, in stationärer und ambulanter Behandlung, Medikamente, von Mitschülern massiv gemobbt, am Tage des Amoklaufs durch eine Schulprüfung gefallen, zehn Tote und 35 Verletzte, Panik in anderen Teilen der Stadt.
Tat am Tag der letzten schriftlichen Abiturprüfungen, zieht in der Herrentoilette eine schwarze Gesichtsmaske über den Kopf, erschoss die stellvertretende Schuldirektorin und die Sekretärin, erschoss vor den Augen der Schüler den anwesenden Lehrer, „Herr Heise, für heute reicht’s“, der Amoklauf dauerte vom ersten Schuss bis zur Selbsttötung höchstens 20 Minuten, Motiv war der aus Sicht des Täters ungerechtfertigte Schulverweis und die damit verbundene berufliche Aussichtslosigkeit, Gedenkfeier, Kerzen, Gesetzesänderungen.
Tötete 15 andere Menschen, mehrstündige Flucht, schoss mit einer Pistole auf die anwesenden Schüler und Lehrerinnen, Autohaus, Schusswechsel, insgesamt gab der 17-Jährige an den beiden Tatorten 112 Schüsse ab, tötete sich schließlich gegen 13:00 Uhr durch einen Schuss in den Kopf selbst, nach dem Amoklauf verließ die Familie des Amokläufers ihren bisherigen Wohnort, neue Identität, von Hass und Gewaltphantasien besessen, bipolare affektive Störung, verabschiedet sich in die Scheinwelt des Computers, beschäftigte sich intensiv mit Schulmassakern und dem Amokläufer von Erfurt, der im Jahr 2002 insgesamt 17 Menschen erschoss, nach dem Amoklauf begann eine politische Diskussion, ein Jahr nach dem Amoklauf forderte Bundespräsident Horst Köhler in einer Gedenkveranstaltung, „wirklich alles Menschenmögliche“ zu tun, um derartige Taten in Zukunft zu verhindern.
Joachim Witt - Goldener Reiter. https://www.youtube.com/watch?v=j0UAXn2lq3A

Mittwoch, 24. August 2016

Wie ich zum Rebellen wurde

“Liang Shan Po, Symbol der Hoffnung für ein Volk unter dem Joch einer Regierung ohne Anstand und Moral.”
Das war der Anfang. So ging es los. Lange bevor ich von Leuten wie Che Guevara, Luke Skywalker oder Malcolm X überhaupt gehört habe. Ich war schon als Kind ein Rebell. Meine Lehrmeister hießen Lin Chung, der tapfere Krieger, Hu San-Niang, die Frau mit den zwei Schwertern, und Lu Ta, der trinkfreudige Kampfmönch. Neun Dutzend Helden, die gegen die finsteren Schergen einer korrupten Regierung kämpfen. Ihr Lager ist in den undurchdringlichen Sümpfen und Dschungeln des Liang Shan Po. Man nennt sie
Die Rebellen vom Liang Shan Po
Und mit diesen Worten beginnt jede Folge dieser japanischen Fernsehserie aus den siebziger Jahren, die in Deutschland im Dezember 1980 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde:
„Es heißt in den Schriften der Weisen: Ihr sollt die Schlange nicht deshalb gering achten, weil sie keine Hörner hat. Niemand weiß, ob aus ihr nicht einst ein Drachen wird, wie auch aus einem einzelnen Mann eine ganze Armee werden kann.“
So wie die Filme von Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“, „Yojimbo - Der Leibwächter“, „Das Schloss im Spinnwebwald“) mich in meiner Kindheit zum Japan-Fan machten, machte mich diese Serie nach einer wahren Begebenheit, die bis heute in den chinesischen Volkssagen weiterlebt, zu einem Fan des alten China.
Die Luxus-Box aus schwarzem Holz, die neben den DVDs auch Aufkleber, Postkarten, ein Booklet, ein Hörspiel, eine Rebellenflagge, ein Poster und ein T-Shirt enthält, habe ich mir zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt. Die Familienfeier ist am Wochenende, damit enden die Saturnalien zu meinem Jubiläum.
Wenn ich demnächst in diesem Blog zur Rebellion aufrufe, trauen Sie mir einfach. Finden Sie sich im Liang Shan Po aka Hunsrück ein. Wir schaffen das!
So, der Riesling ist offen. Folge 1: „Neun Dutzend Helden und ein Bösewicht.“ Das Abenteuer beginnt …
„Der Weg zum Ruhm führt durch den Palast, der Weg zum Reichtum führt über den Markt, der Weg zur Tugend führt durch die Wüste, der Weg des Gerechten führt durch die Schuld. So steht es geschrieben.“
https://www.youtube.com/watch?v=IMOK_gdb-W4

Blogstuff 62

„Der Mensch wird geboren mit der Forderung nach Gerechtigkeit – wie er sie versteht. Da sein Begehren unerfüllt bleibt, entfaltet sich in ihm allmählich ein weites Verständnis für den willkürlichen Ablauf des Daseins.“ (Hans Henny Jahnn: Fluss ohne Ufer)
In der Empörung über den Kontrollverlust der Bundesregierung während der „Flüchtlingskrise“ zeigt sich das starke Autoritätsbedürfnis der deutschen Bevölkerung.
Schlechte Nachricht: Es gibt jetzt Psycho-Strahlen, die durch Aluminiumfolie durchgehen.
Welche Folgen Onanie haben kann, sehen wir an Peter Altmaier.
Gebt mir Krisen, gebt mir Skandale, gebt mir Weltuntergänge! Schließlich habe ich Eintritt bezahlt.
Rucksäcke sollen verboten werden, aber Golftaschen und Diplomatenkoffer bleiben erlaubt. Quo vadis, Klassengesellschaft?
Statt der Burka sollte man die Jogginghose verbieten.
Menüvorschlag: „Käsespätzle Hanoi“ – mit Zitronengras statt Petersilie und Original-Wasserbüffelmozzarella. Nachtisch: „Snickers Fidel Castro“ – mit Rohrzucker und Rumaroma.
Eine schwere Epidemie wütet in der Stadt, ganze Viertel sind vom Geldfieber betroffen, das die Menschen dahinrafft.
Hatten Sie auch schon mal den Mund voller Kartoffelchips und mussten dann niesen? So entstand die moderne Kunst.
„Und da kommt die Kellnerin über links, meine Damen und Herren! Es ist das fünfte Bier in diesem Spiel und sie stellt es vor Michelangelo Marmeloni auf den Tisch, eine Standardsituation.“
Die Ökonomen versuchen, die Praxis der Wirtschaft mit naturwissenschaftlichen Methoden zu erklären, so als wären es nicht Menschen, die das Geschehen bestimmen, sondern kugelförmige Objekte in einem Vakuum.
Sensationell: Das Rhabarber-Rinderspucke-Sorbet im „Do You Really Like My Eis“ in der Schönhauser Allee 99.
1974 konnte man im deutschen Fernsehen zum ersten Mal zwei junge Männer mit nacktem Oberkörper zusammen in einem Bett sehen: Uli Hoeneß und Paul Breitner in ihrem Doppelzimmer während der Fußball-WM. Die süße Unschuld vergangener Tage.
„Wenn du in deines Nächsten Weinberg gehst, so magst du Trauben essen nach deinem Willen, bis du satt habest, aber du sollst nichts in das Gefäß tun.“ (5. Mose 23, Vers 24) Diese Regel gilt nach etwa dreitausend Jahren immer noch in meiner rheinhessischen Heimat. Du kannst Weintrauben, Kirschen und Mirabellen essen, wenn du durch diesen fruchtbaren Garten am Rheinufer gehst und Hunger hast, aber du darfst dir nicht Plastiktüten oder Säcke mit Obst füllen, um es nach Hause mitzunehmen oder um es zu verkaufen – das ist strafbar.
Wäre es nicht schön, wenn es einen Fußballspieler mit dem Nachnamen „Elfmeter“ gäbe? Das würde die Fernsehübertragungen etwas interessanter machen.
Die aus dem Sprachschutt leerer Parteitagsfloskeln zusammengebastelten Reden eines Joachim „Jogi“ Gauck. Eine Freundin von mir kennt den Redenschreiber des Bundespräsidenten persönlich und charakterisiert ihn als ängstlichen und einsamen Menschen.
Die Fernbedienungen von Fernsehern und Stereoanlagen werden offensichtlich von Männern entworfen, denn sie haben immer die Länge von erigierten Penissen.
Der Augenblick des Abschieds ist nur darum so kostbar und schön, weil wir wissen, dass auf ihn der Schmerz folgen wird.
Warum trugen die kleinen Jungs zur Kaiserzeit Matrosenanzüge? Weil die Marine damals so hip war wie heute das Internet.
Er hatte ein ausgezeichnetes Versteck gefunden, sorgfältig alle Spuren verwischt und wartete nun mit klopfendem Herzen. Aber niemand suchte ihn.
Die dritte Generation der RAF, die noch irgendwo da draußen ist, überfällt Banken und Geldtransporter. Politisch sind sie erloschen, es geht nur noch ums Kapital. Was für eine Ironie. Am Ende sind diese Witzblattfiguren so geldgeil wie die Karikatur eines Bonzen.
FAZ.NET, 23.8.16: „Nur 36 Prozent sehen den kommenden zwölf Monaten hoffnungsvoll entgegen; das ist einer der geringsten Werte in der Nachkriegsgeschichte.“ Das Land der Jammerlappen …
Zur Frage der Hygiene: Andy Bonetti wird täglich entlaubt, gekärchert und geföhnt.
Im Traum fahre ich mit dem Zug nach Bremen und betrete ein Schildergeschäft. Ich kaufe das Schild „Kein Giraffenparken vor dem Haus. Klaus“. Was bedeutet dieser Traum?
Zu guter Letzt: Für sog. „trockene“ Alkoholiker bietet Bonetti Unlimited jetzt ein Bierpulver in Tütenform an.
She Past Away – Sanrı. https://www.youtube.com/watch?v=Zwi4BHMnJvg

Dienstag, 23. August 2016

Ernst Nolte

In der vergangenen Woche starb der Historiker Ernst Nolte, der 1986 mit seiner These, der Holocaust sei nur eine Reaktion auf die Verbrechen der Bolschewisten in der Sowjetunion gewesen, den sogenannten „Historikerstreit“ ausgelöst hatte.
Nolte, wie alle Revisionisten, machte den Kardinalfehler, die Systeme nur auf der Basis ihrer Resultate und ihrer Methoden zu vergleichen. So kommen die Relativierer zu dem Ergebnis, auch Stalin und Mao seien für den Tod von Millionen verantwortlich und seien daher mit Hitler auf eine Stufe zu stellen. Die Methode KZ hätten die Briten im Burenkrieg entwickelt.
Der entscheidende Punkt ist jedoch, die Systeme nach ihrer Weltanschauung zu vergleichen. Das NS-Regime basierte auf Rassismus. „Der Jude“ muss als Rasse ausgerottet werden, er kann als Mensch nicht verändert werden – daher die industriell betriebene Ermordung in KZs. Die sozialistischen Staaten basierten auf Marxismus, der Mensch ist prinzipiell veränderbar, sein Charakter ist nicht genetisch geprägt, sondern durch seine Klassenlage definiert („Das Sein bestimmt das Bewusstsein“). Daher auch die Umerziehungslager, die Propaganda. Im Sozialismus hat es keine industriell geplanten und durchgeführten Massenmorde gegeben.
Der Nationalsozialismus wollte mit seinem Vernichtungsfeldzug in Osteuropa „Lebensraum“ für die eigene Rasse erobern, die Sozialisten und Kommunisten wollten andere Menschen überzeugen. Und wenn man bedenkt, was die Rote Armee auf ihrem Weg von Stalingrad nach Berlin alles sehen musste (Auschwitz ist da nur ein Detail der Hölle), ist ein es Wunder, dass die Nazi-Generation nicht kollektiv für ihre Verbrechen gerichtet wurde. Deswegen ist das Dritte Reich singulär, sind seine Verbrechen bis heute einzigartig.
Im Jahr 2000 bekam Nolte den Konrad-Adenauer-Preis der rechtsradikalen Deutschland-Stiftung des Altnazis und Gestapo-Denunzianten Kurt Ziesel. Die Deutschland-Stiftung war ein organisatorisches Bindeglied zwischen dem rechten Flügel der CDU und Rechtsextremisten mit NS-Vergangenheit. Auch Helmut Kohl zählt zu den Preisträgern.
Noltes Geist lebt leider immer noch, aus seiner Asche wächst ein ganzer Schwarm Phönixe wie die NPD, AfD, NSU, Sarrazin, Seehofer, Buschkowsky e tutti quanti.

Die längste Woche

„Wenn wir das Oktoberfest absagen würden, wäre das eine Einschränkung der Freiheit.“ (Thomas de Maizière)
Sie haben sicher auch gelacht. Die Bundesregierung fordert uns dazu auf, Notvorräte anzulegen. Mitten im Frieden sind wir von Horrorszenarien umgeben. Droht ein Krieg? Werden islamistische Terroristen sämtliche Supermärkte abriegeln? Kommt der Iwan doch noch, dessen Einmarsch der brave Michel seit Jahrzehnten erwartet?
Ich habe auch gelacht. Es droht kein Krieg. Aber was machen wir bei einem Stromausfall? Nehmen wir an, unsere Stromversorgung bricht für eine ganze Woche zusammen. Kein Problem, denkt jeder. Dann trinke ich eben Leitungswasser. Aber es kommt kein Wasser mehr aus dem Hahn in Ihrer Küche und in Ihrem Badezimmer. Baden und Duschen ist auch vorbei. Die Anlagen der Wasserversorger werden elektronisch gesteuert, es gibt keine mechanischen Pumpen in Ihrer Stadt oder in Ihrem Dorf (ich kenne Notbrunnen nur aus Berlin, z.B. in der Trautenaustraße).
Was ist mit dem Essen? Unsere Kühlschränke und Tiefkühlfächer sind gut gefüllt. Kein Thema. Ohne Strom sind die Sachen aber in kürzester Zeit nicht mehr essbar, es sei denn, der Stromausfall trifft uns im tiefsten Winter und wir können unsere Vorräte auf den Balkon schaffen oder in einer Plastiktüte ans Fenster hängen. Oder wir lassen sie, wo sie sind, denn die Heizung wird auch nicht mehr funktionieren. Bei einem längeren Stromausfall bleibt uns nur der Vorrat an Konserven. Dann gibt es einen ganzen Tag nur Mais, Erbsen und Möhren für die Familie. Natürlich kalt, denn der Herd und die Mikrowelle können ebenfalls nicht mehr benutzt werden.
Na und? Gehen wir in den Supermarkt. Abgesehen von der Finsternis in den fensterlosen Geschäften haben wir auch hier das Problem faulender Tiefkühlkost und verwelkender Salate. Die Kassen funktionieren nicht, die Verkäuferin muss alles per Hand addieren. Ihre Kreditkarte funktioniert weder im Supermarkt noch am Bankautomat. Wieviel Bargeld haben Sie gerade in der Brieftasche? Jetzt denken Sie, dass uns Lastwagen mit Essen versorgen werden. Aber die Tankstellen funktionieren auch nur mit Strom, ohne Energie kann man das Benzin nicht aus den unterirdischen Tanks pumpen und die Zapfsäulen bedienen.
Wie geht es weiter? Fernsehen, Radio, Internet und auch Ihr Smartphone funktionieren nicht mehr. Sie haben keinerlei Informationen über Ihre Zukunft. Nach einer Woche, spätestens nach zwei Wochen ohne Strom bricht die Zivilisation, so wie wir sie kennen, zusammen. Sie werden für sich und Ihre hungernden Kinder kämpfen – und das meine ich nicht im übertragenen Sinne.
Woher habe ich dieses Szenario? Es gibt vermutlich kein Blog, das in der absurden Welt der deutschen Politik so exzellent vernetzt ist wie Bonetti Media Umlimited. Mein Gewährsmann in dieser Frage nimmt regelmäßig an Sitzungen des Bundesinnenministeriums zu Fragen der Versorgungssicherheit teil, die gemeinsam mit dem zuständigen Minister in Berlin stattfinden. Was ich von ihm persönlich off the record erfahre, gebe ich der geneigten Leserschaft gerne zur Kenntnis.
Also: keine Panik. Ist noch nie passiert, passiert auch nicht. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, wie mein Opa immer zu sagen pflegte. Und wer sich richtig gruseln will, dem empfehle ich zu diesem Thema den Roman „Blackout“ von meinem Kollegen Marc Elsberg.
Urge Overkill - Girl You'll Be a Woman Soon. https://www.youtube.com/watch?v=JAHA4Jh5jkw

Montag, 22. August 2016

Im Zauberkreis der Maschinen

„Das Ungewisse ist wie flüssiges Metall, es kann uns sengend durchlöchern.“ (Hans Henny Jahnn: Fluss ohne Ufer)
Das silberne Funkeln der Wellen. Sonnenaufgang über der Spree. Fortuna, die blinde Göttin des Zufalls, hatte das Rad des Schicksals gedreht und seine Privatapokalypse heraufbeschworen. Er überquerte den Fluss und ging die Friedrichstraße entlang.
Der Mann mag mittleren Alters gewesen sein. Kein Gesicht, an das man sich erinnern muss. Die Farbe seines Anzugs erinnerte an das Fell eines Maulwurfs. Er taumelte, er fühlte sich schwach und war müde. Zu Tode erschöpft. Aus den Wagen, die an ihm vorbeifuhren, trafen ihn erschrockene, besorgte und amüsierte Blicke. War er krank, hatte er einen Unfall gehabt oder kam er gerade von einer nächtlichen Tour durch die Berliner Kneipen?
Blut sickerte aus einer Wunde an seiner Stirn, ein Ärmel seines Jacketts war eingerissen, das schmutzige und zerknitterte Hemd hing ihm aus der Hose. Die zerschlissene Krawatte baumelte offen um den geöffneten Kragen, die Schuhe waren abgewetzt und löchrig. Sein Gesicht war aschfahl, seine Lippen blutleer. Während er sich mühsam vorwärts schleppte, schien sein Blick in weite Ferne zu schweifen. Wusste er, wo er war? Wusste er, was er tat? Eine ältere Frau, die ihm mit ihrem Hund entgegenkam, verzog angewidert das Gesicht und machte einen Bogen um ihn.
Endlich stand er vor dem Haus in der Torstraße. Im obersten Stockwerk des Gebäudes brannte schon ein schwaches Licht. „Pelzer & Söhne“, sein Arbeitsplatz. Galanteriewaren en gros und en detail. In den Stockwerken darunter schien die lärmende Jugend, die in Start-Ups beschäftigt war, eine Party zu feiern. Hatten sie seit gestern durchgearbeitet oder fingen sie gerade an? Er begriff die moderne Welt nicht.
Er betrat die Eingangshalle und fuhr mit dem Aufzug nach oben. Müde ging er über den Flur und öffnete die Milchglastür, die den altehrwürdigen Firmennamen in Buchstaben aus Blattgold trug. Der riesige Büroraum, der dahinter lag, hatte sich nicht verändert. Klimm, Pfeiffer und Sattelmann saßen an ihren schweren Schreibtischen aus dunklem Holz, an den Wänden die Aktenschränke mit endlosen Reihen von prallgefüllten Ordnern voller vergilbter Papiere. Mechanische Schreibmaschinen klapperten träge, Pfeiffer spannte gerade zwei leere Blätter Papier in seine Maschine, zwischen die er schwarzes Durchschlagpapier gelegt hatte. Auf jedem Tisch stand ein Telefonapparat aus schwarzem Bakelit.
Die lähmende Langeweile, die alte Menschen verbreiteten. Fräulein Gisela, die greise Sekretärin des Bürovorstehers, war an ihrem Tisch eingeschlafen. Niemand nahm von ihm Notiz, als er sich an seinen Tisch setzte und die kleine Lampe einschaltete. Im Eingangskorb lag die Post, die er abzuheften und in ein Empfangsbuch einzutragen hatte. Er stellte das Datum des Stempels neu ein und begann, die Briefe mit einem Brieföffner aufzuschneiden. Dann stempelte er die Briefe und ordnete sie anschließend alphabetisch, um sie in den entsprechenden Ordnern abzuheften. Wie lange arbeitete er schon bei „Pelzer & Söhne“?
Ein helles Glöckchen ertönte. Mechanisch stand er auf und ging zur Tür, die ins Büro des Bürovorstehers führte. Er klopfte zaghaft an und öffnete die mit grünem Leder ausgeschlagene Tür, ohne eine Antwort abzuwarten. Sein Vorgesetzter thronte in einem weißen Himmelbett. Er hatte pralle Seidenkissen im Rücken und eine Schlafmütze auf dem Kopf. Er trug eine dicke Hornbrille, vor ihm lagen zahllose Akten, die über das ganze Bett verstreut waren.
Der Chef nahm die Brille ab, seine kleinen Augen hatten die Farbe von Pflaumenkernen. „Mir ist ein Schriftstück unter das Bett gerutscht. Seien Sie bitte so freundlich und holen Sie es mir hervor.“
Der Mann begann augenblicklich, unter das Bett zu kriechen. Er kroch immer weiter, inzwischen konnte man seine Beine nicht mehr sehen. Er lag in völliger Finsternis und hatte die Orientierung verloren. Von wo war er gekommen? Er rief den Bürovorsteher, aber er bekam keine Antwort. Also tastete er sich mühsam weiter durch den Staub.
Seine Hände griffen ins Leere. Der Untergrund wurde abschüssig und er kam ins Rutschen. Er versuchte, Halt zu finden, doch jetzt ging es immer schneller abwärts. Es war eine Art Rampe und einen Augenblick später war er in freiem Fall. Er schrie und seine Stimme hallte an den Wänden wider, als wäre er in einer Kathedrale.
Er fiel überraschend weich. Er war in einen Bottich gefallen, unter ihm lag weiße Wäsche. Tischdecken und Laken. Vielleicht vom Hotel nebenan? Dann setzte sich der Wäscheberg in Bewegung. Er hob den Kopf und sah hinaus. Er saß in einer Art Lore und vor ihm lag ein Schienenstrang in der Dämmerung. Es ging hinauf und hinab, durch niedrige Gänge und Höhlen, in engen und weiten Kurven.
Schließlich flog er in den hellen Tag hinaus. Die Lore überschlug sich in der Luft und er fiel hinaus. Er landete zwischen den Mülltonnen eines Hinterhofs. Erschöpft und zerschlagen blieb er eine Weile liegen. Dann kroch er aus dem Müll und torkelte auf die Straße.
Das silberne Funkeln der Wellen. Sonnenaufgang über der Spree. Fortuna, die blinde Göttin des Zufalls, hatte das Rad des Schicksals gedreht und seine Privatapokalypse heraufbeschworen. Er überquerte den Fluss und ging die Friedrichstraße entlang.
Crosby, Stills, Nash & Young – Carry On. https://www.youtube.com/watch?v=HocfN2gvgto

Sonntag, 21. August 2016

Das digitale Tabernakel

… ist das Kiezschreiber-Blog. Willkommen zu …

Blogstuff 61
„Was macht ein Affe mit einer Milliarde Bananen?“ (Rolando von Curtzweyhl)
Die mächtigste Waffe der Amerikaner ist ihre Sprache. „Cowboy“ klingt einfach cool, „Hirtenjunge“ klingt unkühl.
Die Gesellschaft der Freunde der Erdrotation e.V. lädt Sie herzlich zu ihrer Hauptversammlung im Hotel Madison Garni in Bad Nauheim ein. Prof. Dr. Reinhold Klöhdenjohann wird einen Vortrag zum Thema Hitzeentwicklung bei Lichtgeschwindigkeit in nicht-euklidischen Systemen halten.
Eine Kirche in Neapel. Es ist kühl und ruhig, du kannst aufatmen. Das Gegenteil der Stadt, dieser nervtötenden Furie unter einer erbarmungslosen Sonne. Hier sitzen Menschen entspannt auf den Bänken, manche lesen Bücher, andere schließen einfach nur die Augen. Eine Versammlung ohne Priester, ohne Rituale. Die Gemeinde der Erschöpften.
Bei einem Späti sehe ich das Angebot: „Sternburg 0,5 52 Cent“. Das ist Berlin.
Der Schein heiligt die Mittel (Grundsatz der Neureichen).
Auf lange Sicht ist der Mangel an Geduld das Hauptproblem der EU. Als nach dem Ende des Sozialismus die Länder Osteuropas in die EU eintraten, waren sie noch nicht bereit, die neu gewonnene Souveränität gleich wieder an eine höhere Instanz abzugeben. Das ist verständlich. Die alten EU-Mitglieder waren aber nicht bereit, ihre Pläne zur Vertiefung der Union zu verschieben. Und so ging ein wesentliches Grundprinzip der Union – alle Mitglieder machen jeden Schritt zusammen – verloren. Die EU wurde gleichzeitig erweitert und vertieft, anstatt erst die Erweiterung und dann die Vertiefung zu bewältigen. Der Teufel hat die Eile erfunden und die Gründungsstaaten der EU plus einige willige Länder haben mit dem Euro vorschnell eine gemeinsame Währung geschaffen, die aber die Hälfte der Mitgliedsstaaten der Union ausschließt. Hätte man sich mehr Zeit für die gemeinsame Entwicklung gelassen, stünde Europa heute besser da. Der ewige Fluch der Beschleunigung.
Warum sollte ich eigentlich Müsli mit Sojamilch zum Frühstück essen, wenn die Welt doch sowieso demnächst untergeht?
K. arbeitet in der Nähe des Wirtschaftsministeriums und berichtet, das Wissen der Behörde und die Weisheit des Ministers strahlten über das gesamte umliegende Viertel und ermöglichten ihm erst seine Arbeit als Rechtsexperte. Seine Aufgabe ist es, die unerforschlichen Beschlüsse der Ministerialbürokratie zu interpretieren. Oft sind in einem Gesetzestext nur wenige Worte verändert worden. Nun muss er, so wie ein Orakelpriester die Eingeweide einer geschlachteten Ziege zu deuten weiß, den Text des Gesetzes auslegen und seine Auslegung mit den Ergebnissen anderer Experten vergleichen, um zu ergründen, was die Veränderung der Worte für die Welt außerhalb der Behörde bedeuten mag.
Kennen Sie das berühmte Foto „ARTACK“? Es zeigt Andy Bonetti, der mit gesenktem Haupt und beiden Fäusten an der Stirn, die Zeigefinger ausgestreckt, scheinbar wie ein Stier auf Andy Warhol losgeht, der – auch scheinbar – mit zwei Essstäbchen auf seinen Nacken einsticht. Es hängt in der Tate Gallery in London.
Wer sich mit der Genderia auf eine Diskussion einlassen will, muss zunächst ihre ideologische Kernprämisse akzeptieren: Der Grundwiderspruch der modernen Gesellschaft ist nicht der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit, sondern der Widerspruch zwischen Mann und Frau. Nicht der Kapitalist ist der Gegner, sondern alle Männer, selbst die Obdachlosen und Behinderten. Die drei Stigmata des neuen Klassenfeinds: Penis, Hoden, Vollbart. Biologie als Ideologie. Und da die Genderia die Linke dominiert, hat die Linke den Klassenkampf völlig aus den Augen verloren. Deutsche Bank und CDU freuen sich.
P.S.: Lupo Laminetti wurde für die Hörbuchversion seines herzzerreißenden Sozialdramas „Gina Lisa“ (nicht zu verwechseln mit Heinz Pralinskis „Gina & Lisa – die Mördertitten von Wyoming“) jetzt von einer Autofahrerin verklagt, die am Steuer in Tränen ausbrach, als sie der Lesung von Til Schweiger lauschte, und einen Auffahrunfall verursachte.
The Easybeats - Friday on My Mind. https://www.youtube.com/watch?v=3iW2_Ec3uEU