Mittwoch, 22. Februar 2017

Aufrüstung

Jetzt soll die Bundeswehr aufgerüstet werden, die neue US-Regierung säht Zweifel an ihrer Rolle als Schutzmacht des Westens. Für welchen Krieg soll denn aufgerüstet werden? In die Kriegsgebiete des Nahen Ostens wird keiner ziehen wollen und in Europa droht kein Krieg, auch wenn uns die hysterischen Medien seit drei Jahren einreden wollen, Putin sei ein neuer Hitler oder Napoleon, der ganz Europa unterjochen möchte.
Die russischen Interessen beziehen sich nur auf die ehemaligen Sowjetrepubliken, allen voran die Ukraine. Diese Länder liegen auf dem Spieltisch zwischen dem Westen und Russland. Sie sind neutral, aber sie werden es nicht für immer bleiben. Die Kugel wird früher oder später in eine Richtung rollen. Aber die russische Armee wird sicher niemals Berlin erobern. Was wollte Putin auch mit einer überschuldeten Stadt ohne Industrie oder funktionierende Verwaltung, die von Millionen Bionade saufenden Fahrradnazis bevölkert ist?
Wir haben es in Europa mit den Kollateralschäden des Krieges zu tun, nicht mit dem Krieg selbst. Flüchtlinge und Terrorismus heißen die Stichworte. Da helfen uns keine Soldaten. Neue Leopard II-Panzer oder Jagdbomber hätten die Anschläge in Paris, Brüssel, Nizza und Berlin nicht verhindert. Wenn man keine Flüchtlinge mehr aufnehmen möchte, muss man die Grenzen schließen und sichern. Das ist Aufgabe der Polizei. Wenn man etwas gegen Terroranschläge unternehmen möchte, muss man die Polizei und die Nachrichtendienste aufrüsten, nicht das Militär.
Eines ist klar: Keiner von uns wird durch eine russische Kugel oder eine islamistische Bombe sterben. Fast jeder von uns stirbt an einer anderen Todesursache. Und die liegt viel näher und ist von uns auch beeinflussbar – im Gegensatz zu Putin oder dem IS: Wir werden in Zeitlupe Selbstmord mit Messer und Gabel, mit Korkenzieher und Flaschenöffner begehen. Das ist die nüchterne Wahrheit.
Joan Armatrading - Drop The Pilot. https://www.youtube.com/watch?v=yoCWUNUB3ro

Dienstag, 21. Februar 2017

Interview mit einer Geistesgröße

„Man sollte sich vor Menschen hüten, die nur ein Buch gelesen haben.“ (Giacomo Girolamo Casanova)
Reporter: Es heißt, Ihr Stern sei im Sinkflug. Und auch Ihre Auflagen.
Bonetti: Wer behauptet das?
R: BBHH, „Bahnhofsbuchhandlung heute“, das renommierte Branchenblatt.
B: Und wissen Sie, was die „Neue Züricher Zeitung“ schreibt?
R: „Bonetti gehört die Zukunft“. Aber damit ist der neue Trainer von Torpedo Bern gemeint.
B: Glauben Sie immer alles, was in der Zeitung steht?
R: Tatsache ist, dass Ihre Risco Tanner-Reihe eingestellt wurde.
B: Darf ein Verlag sich nicht verändern? Sollte es keine Innovationen mehr geben? Kennen Sie die Verkaufszahlen der Schraubenzieher-Man-Reihe?
R: Seit Erscheinen der Reihe sind die Verkaufszahlen im Bereich Schraubenzieher dramatisch zurückgegangen. Einige namhafte Baumarktketten wollen Sie verklagen.
B: Ist das nicht lächerlich? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verkauf von Werkzeug und Literatur?
R: Viele Leser und auch Redakteure des Feuilletons halten die Schraubenzieher-Man-Reihe für den Tiefpunkt Ihres bisherigen Werks und bezeichnen es als peinliche Selbstbeweihräucherung.
B: Hatten die Feuilleton-Fritzen jemals Ahnung von großer Kunst?

Bonettis Buchmobil – Die Anfänge des Unternehmens
R: Im Internet gibt es eine Bewegung, die die Rückkehr von Eike, dem kleinen Eierbecher fordert.
B: Wissen Sie, welche Gage Eike am Ende für jede neue Folge verlangt hat?
R: Immer wieder ist zu lesen, dass Ihre Lohnschreiber wie Sklaven im Keller Ihrer Villa gehalten werden.
B: Gibt es dafür Beweise?
R: Gelegentlich ist in einem Ihrer Groschenhefte der Satz zu lesen „Hilfe, ich werde von Bonetti Media gefangen gehalten und werde zu schwerer Textarbeit gezwungen.“
B: Wissen diese Dummköpfe denn auch, dass Sie in meinem Haus freie Unterkunft und kostenlose Mahlzeiten haben?
R: Ihr neuer Roman „Gefangen im Keller von Claudia Roth“ ist ein totaler Flop und rangiert bei Amazon nicht unter der ersten Million Bücher, was die Verkaufszahlen anbelangt.
B: Hatte Kafka zu seinen Lebzeiten gute Verkaufszahlen? Bemisst sich die Qualität von Kunst etwa an schnöden Profiten?
R: Sie stellen viele Fragen, Mister Bonetti.
B: Hätten Sie sich das nicht denken können?
Amy Winehouse - Back To Black. https://www.youtube.com/watch?v=TJAfLE39ZZ8

Montag, 20. Februar 2017

Wie ich den Krieg verlor

„Eine Geschichte der Menschheit gibt es nicht. Das ist die tiefe, traurige Wahrheit. Ihre Annalen sind nie geschrieben worden und werden nie geschrieben; und selbst, wenn es sie gäbe, wären wir außerstande, sie zu lesen. Was wir haben, ist das eine oder andere Blatt aus dem großen Buch des Schicksals, das von den Stürmen, die über die Erde hinwegziehen, hergeweht wird. Wir entziffern das, so gut wir können, mit unseren kurzsichtigen Augen; aber alles, was dabei herauskommt, ist ein konfuses Gemurmel. Wir haben es mit Hieroglyphen zu tun, zu denen uns der Schlüssel fehlt.“ (John Lothrop Motley)
Es begann in den Fernsehnachrichten. Dort war von Forderungen und Provokationen die Rede, in den folgenden Tagen fielen Begriffe wie „Ultimatum“ oder „Mobilisierung der Reserve“, die ich gar nicht kannte. Ich war damals zehn Jahre alt und fragte meine Eltern, was das zu bedeuten habe, aber sie senkten nur schweigend den Kopf oder sagten mir, ich sei noch zu klein.
Eine Woche später war unser Land im Krieg. Den genauen Grund für den Ausbruch dieses Krieges habe ich nie erfahren. Unsere Gegner waren heimtückisch, primitiv und hatten keine Chance gegen uns. Der Mann aus dem Nachbarhaus trug plötzlich eine Uniform und musste zu seiner Einheit. Ich habe vergessen, welche Einheit das war, aber ich war traurig, dass mein Vater keine Uniform hatte und nicht in den Krieg zog.
In unserem Dorf gab es einen Umzug der Soldaten, die in den Krieg zogen. Sonst gab es nur im Karneval einen Umzug, aber die Menschen waren an diesem Tag genauso fröhlich und ausgelassen wie in der närrischen Zeit. Am Bahnhof standen hunderte von uniformierten Männern mit riesigen Rucksäcken und einem Gürtel, an dem allerlei geheimnisvolle kleine Taschen waren. Ihre Stahlhelme baumelten an der Seite der Rucksäcke.
In dieser Zeit fühlten sich die Menschen wie Verbündete. Unsere Nachbarn im Dorf, selbst Fremde im Supermarkt waren uns jetzt viel näher. Es wurde in den Medien und in den Alltagsgesprächen viel von Zusammenhalt und Solidarität geredet. Man war erleichtert, wenn man einem anderen Menschen ein klein wenig helfen konnte, denn damit durfte man seinen Gemeinschaftssinn und seinen Willen zum Sieg auch im Kleinen zeigen.
Nur die Ausländer wurden misstrauisch betrachtet. In unserem Dorf gab es Türken, Italiener und Polen. Konnte man ihnen trauen? Ihre Länder waren zwar keine Kriegsparteien, aber es konnten doch Spione sein. Sie unterhielten sich in fremden Sprachen und gehörten nicht zu uns. In der Schule wurden sie zu Außenseitern, mit denen niemand mehr spielte. Wir deutschen Kinder wollten unter uns sein. Wir sprachen auf dem Schulhof über nichts anderes mehr als über den Krieg.
Wir hörten Geschichten von der Front, die im Dorf schnell die Runde machten. Obwohl es eigentlich verboten war, schickten viele Soldaten Mails und Fotos an ihre Angehörigen, von denen natürlich etliche im Internet landeten. Ich las die täglichen Berichte über den Kriegsverlauf. Es war spannender als die Fußballbundesliga. Hatten wir ein Gefecht gewonnen oder verloren? Hatten wir ein Stück Territorium erobert oder mussten wir es räumen? Wie viele Tote hatte der Gegner, wie viele Tote hatten wir? Das war der aktuelle Tabellenstand des Krieges.
Im Fernsehen und im Internet sah ich mir viele Beiträge über die Kampfhandlungen an. Ich muss sagen: unsere Bomber und Panzer waren einfach schön. Sie sahen gut aus und das Mündungsfeuer der Artillerie jagte mir wohlige Schauer über den Rücken. Auch die Luftaufnahmen von Explosionen oder die Bilder einer Drohne kurz vor ihrem Einschlag waren beeindruckend. Unsere Soldaten sahen cool aus, wie Filmstars. Während die Gefangenen des Feindes aussahen wie Verbrecher.
Irgendwann erreichten die Todesmeldungen auch unser Dorf. Der Nachbar mit der schönen Uniform war tot. Seine Frau weinte, als sie es meiner Mutter erzählte. Seine beiden Töchter gingen zunächst gar nicht zur Schule, dann nur schweigend und mit hängenden Köpfen. Ich fragte meinen Vater, ob er auch in den Krieg ziehen müsste. Ich war unsicher geworden. Nein, sagte er, aufgrund seiner Tätigkeit als Leiter der Buchhaltung in einem kriegswichtigen Betrieb müsse er nicht mit seiner Einberufung rechnen. Wieder neue Worte: „kriegswichtig“, „Einberufung“.
Es waren die Politiker, die entschieden, was kriegswichtig war und wer als nächstes einberufen werden sollte. Man sah sie jetzt häufiger im Fernsehen, wo sie lange Reden hielten. „Schicksal“, „Nation“, „historische Entscheidungsschlacht“ oder die „Zukunft unserer Kinder“ waren Begriffe, die sehr häufig in ihren Reden vorkamen. Viele Flaggen und klatschende Menschen waren zu sehen, die Inszenierung war beeindruckend. Ob meine Eltern abends vor Ergriffenheit oder Angst weinten, weiß ich nicht mehr. Aber eines Tages hatten wir den Krieg verloren.
Solid Space - Spectrum Is Green. https://www.youtube.com/watch?v=rsR40Skuxfo

Sonntag, 19. Februar 2017

Kontinente, Konfirmanden, Koniferen

Blogstuff 114
„Immer eine Handbreit Doppelkorn unter dem Kiel.“ (Hanseatisches Sprichwort)
Wenn sogenannte Prominente wie Peter Maffay, Jogi Löw und Hape Kerkeling an der Wahl zum Bundespräsidenten teilnehmen dürfen, wenn ein TV-Richter und der Vater eines Satirikers als Pseudo-Gegenkandidaten aufgestellt werden, wissen wir, dass die Politiker den Wahlvorgang nicht ernst genommen haben. Nach der Wahl gab es dann das Statement von meiner Lieblingsteilnehmerin Veronica Ferres zu hören: „Steinmeier ist ein Mensch, der Menschen als Mensch begegnet.“ #FakeChoice
Trump ist die Sonnenfinsternis der Demokratie. Sie wird vorüber gehen.
Was geschieht, wenn Geld, Paragraphen und Befehle zwischen den Menschen sind? Nicht mehr viel. Selbst Hannah Arendt spricht von der Banalität des Bösen, wenn sie Adolf Eichmann während seines Prozesses beobachtet. Wir reduzieren uns selbst auf soziale Automaten, auf das bloße Funktionieren.
Kennen Sie Robert Neumann? Sein Buch „Where Neumann has gone before“ ist in den Niederlanden ein absoluter Verkaufsschlager.
Früher war Deutschland sauber geteilt. Es gab einen kapitalistischen und einen sozialistischen Teil. War man im kapitalistischen Deutschland für den Sozialismus, hieß es einfach: „Geh doch rüber!“ Wohin gehen die Sozialisten heute? Ins Internet. Gut. Aber konkret? Wer an Marx oder Lenin glaubt, ist nach der Vertreibung aus dem Arbeiter- und Bauernparadies heimatlos geworden.
Neulich habe ich mit einer Freundin ein langes Gespräch über die Bedeutung des Zufalls in unserem Leben geführt. Er wird unterschätzt, unsere Entscheidungen werden systematisch von uns selbst überschätzt. Verleihen wir den Dingen eine tiefere Bedeutung, die sie eigentlich gar nicht haben? Und warum ist es nicht legitim, solche Zusammenhänge herzustellen, wenn sie unserem Leben einen Sinn oder wenigstens ein Geheimnis geben?
Wenn ein Politiker die Mehrheit hat, heißt es noch lange nicht, dass er eine gute Wahl ist.
Werbung: Andy Bonetti gibt’s jetzt auch als Spielfigur aus hochwertigem Kunststoff. Voll beweglich! Zubehör: Buch, Schreibtisch, Whiskyflasche, Nobelpreis und Muse.
Die Großen fressen die Kleinen und so kommt die kapitalistische Wirtschaft irgendwann an ihr natürliches Ende. Nette Idee. Die großen Fische fressen die kleinen Fische und der Teich kommt nie an ein Ende. Da hätte Marx mal den Zeitgenossen Darwin interviewen sollen.
Hätten Sie’s gewusst? Kuchen besitzt ein eigenes Gravitationsfeld. Wenn Kuchen im Haus ist, bewegen Sie sich unwillkürlich auf ihn zu.
Warum sollte ich heute schon wissen, was ich morgen mache?
Eigentlich tun mir die Ossis Leid: Zuerst arrangieren sie sich mit der SED, danach mit IKEA, Amazon und Persil.
Rheinland-Pfalz: Aus einigen Leichenteilen des Deutschen Reichs hat man 1946 Frankensteins Monster zusammengenäht: Die Pfalz aus Bayern (hier ist Frankenstein tatsächlich, zwischen Kaiserslautern und Bad Dürkheim), Rheinhessen aus Hessen, Hunsrück, Eifel und Westerwald aus Preußen. Mainz wurde zur Hauptstadt erklärt, wobei man die drei ostrheinischen Stadtteile amputierte. Fertig ist das Bindestrich-Bundesland. Es ist nicht das einzige.
2020: Synchron-Trinken wird olympische Disziplin.
Hätten Sie’s gewusst? Charlie Chaplin wurde durch eine wahre Tragödie zu seiner berühmten Komödie „Goldrausch“ inspiriert. 1846 wurde eine Gruppe Siedler im Westen der USA vom Winter überrascht. Von 81 Menschen kamen 34 ums Leben, die von den anderen Siedlern verspeist wurden – sowie auch die Schuhe und andere Lederwaren. Für die Szene, in der Chaplin den Schuh isst, wurden drei Drehtage und 63 Takes benötigt. Der Schuh und die Schnürsenkel waren aus Lakritze.
„So wie unser Geist durch Vorurteile beschränkt wird, ist unsere Wahrnehmung durch Gewohnheiten beschränkt. Die tägliche Flut der Bilder in den Medien hindert uns daran, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Aufgabe der Kunst es ist, die Welt wieder zu entdecken, sie mit den Augen der Kinder zu sehen. Wenn Picasso eine kubistische Orange malt, sehen wir die Orange neu. Wenn ich eine Geschichte über Eike, den kleinen Eierbecher, oder den Schraubenzieher-Man schreibe, sehen wir den Eierbecher und den Schraubenzieher neu.“ (Andy Bonetti: Ich habe Kunst)
Eurythmics – Doubleplusgood. https://www.youtube.com/watch?v=aGwUNTGrnvE

Samstag, 18. Februar 2017

Der letzte Wunsch

Eigentlich beginnt hier am Rhein in der nächsten Woche die Fastnacht, die Zeit der behördlich erlaubten und geregelten Fröhlichkeit. Die Polizei empfiehlt den Flüchtlingen, sich von dieser alten deutschen Tradition fernzuhalten. Aber mir geht gerade eine ganz andere Sache durch den Kopf.
Im Nachbardorf wohnt meine Nichte. Ihre Freundin hat Krebs. Mit 21 Jahren erfährt sie von den Ärzten, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben hat. Was für ein schrecklicher Gedanke. Noch so jung – und die Zeit des Abschieds von der Welt, von der Familie und von Freunden ist gekommen. Die Zeit der letzten Wünsche bricht an.
Sie möchte noch einmal das Meer sehen. Mit ihren Eltern und ihrem Verlobten fährt sie nach Nizza. Leere Strände. Februar. Eine Stadt in Trauer nach dem verheerenden Terroranschlag. Aber ein Wunsch, der in Erfüllung geht.
Sie möchte gerne noch ein letztes Mal ihren Geburtstag feiern. Im April wird sie 22. Sie hat es nicht mehr geschafft. In dieser Woche ist sie gestorben. Wir sollten mit unseren Wünschen nicht länger warten. Darüber denke ich in diesem Augenblick nach.
Alexandra - Was ist das Ziel? https://www.youtube.com/watch?v=6t_0rbDGCOg

China-Reise 2007 – Einige Beobachtungen und Bemerkungen

Politik
Es fallen in China die starken Diskrepanzen zwischen Arm und Reich sowie die Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land auf, die uns in diesem Ausmaß in Deutschland unbekannt sind. Es stellt sich die Frage, welches Land eigentlich das sozialistische und welches das kapitalistische ist. Ein solches sozioökonomisches Gefälle würde einen europäischen Staat zerreißen. Den Sozialismus habe ich nur in Form von Folklore (etwa der morgendliche Fahnenappell vor der Provinzverwaltung in Xian) und Fassade (rote Fahnen und Mao-Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens in Peking) wahrnehmen können. Positiv: Das Massaker von 1989 und gesellschaftliche Probleme wurden offen von der deutschen wie auch der chinesischen Reiseleitung angesprochen.
Wirtschaft
Es gilt: Je urbaner China ist, desto westlicher ist es auch. In den Metropolen finden wir Kaufhäuser, die den Kathedralen des Kapitalismus in Europa, etwa dem KaDeWe in Berlin, in nichts nachstehen. Die großen Kaufhäuser sind jedoch fast menschenleer, da die Kaufkraft des Durchschnittsbürgers zu gering ist. Beispiel: Ein Paar deutsche Markensportschuhe kosten einen chinesischen Arbeiter drei Wochenlöhne, einen deutschen Arbeiter noch nicht einmal einen Wochenlohn. Hierzu passt auch die Beobachtung, dass man kaum Chinesen mit Einkaufstüten der großen Kaufhäuser sieht, obwohl die Boulevards voller Menschen sind. Die chinesischen Händler und Verkäufer unterscheiden sich in nichts von Händlern in kapitalistischen Ländern, sie wirken im Gegenteil noch aufdringlicher. Zudem fällt der verschwenderische Umgang mit Arbeitskräften auf: Im Lokal warnt ein Mensch permanent alle eintretenden Gäste vor den Gefahren einer bestimmten Stufe, in einem anderen Lokal reicht ein Mensch auf der Toilette Papierhandtücher aus einer Selbstbedienungsbox an die Besucher weiter.
Gesellschaft
Die Chinesen sind, wie in vielen Ländern der sogenannten Dritten Welt zu beobachten, im Durchschnitt sehr jung. Das Straßenbild wird von jungen Menschen geprägt, Menschen mittleren Alters oder gar alte Menschen sieht man kaum. Die jungen Leute tragen häufig westliche Kleidung und Frisuren. Selbst unter den ärmeren Menschen ist westliche Kleidung (Lederhalbschuhe, zweiteiliger Anzug) sehr verbreitet. Selbst die Mönche tragen Turnschuhe und amerikanische Schirmmützen, nutzen Handys und andere Geräte. Die Menschen wirken sehr materialistisch und geldgetrieben, außerdem fehlen häufig gewisse Umgangsformen. Beispiel: Ein lamaistischer Mönch spricht mich in Wutaishan mit den Worten „Hello, money!“ an – oder die Bauersfrauen am Mondberg! Dem Durchschnittschinesen sieht man die 5000 Jahre Geschichte so wenig an wie die Deutschen ein Land der Dichter und Denker bevölkern (oder Franzosen elegant und Engländer lustig sein sollen). Stereotype Vorurteile greifen hier nicht.
Medien
Es gibt eine große Zahl an Fernsehprogrammen, etwa fünfzig. Es dominieren Spielshows und Serien, wobei letztere häufig einen historischen Hintergrund (meist das alte Kaiserreich) haben. Das Programm ist überraschenderweise noch chinesisch untertitelt, möglicherweise möchte man auf diese Weise das Erlernen der Schriftsprache fördern. Die Werbeblöcke sind nicht nur von westlichen Produkten durchsetzt, sondern auch in ihrer Präsentation sehr westlich. Musiksendungen für junge Leute sind stark vom westlichen Musikstil (Pop, Rock, Rap usw.) geprägt, aber es überwiegen chinesische Texte. Telefonnummern und Zahlen werden offenbar – wie im Westen – nur in arabischen Ziffern ausgedrückt.
Verschiedenes
• Die Vielfalt des chinesischen Essens und die hohe Qualität im Vergleich zu den deutschen „China-Restaurants“, die Mahlzeit als Gemeinschaftserlebnis (zehn Menschen bestellen zehn Gerichte, die auf einem breiten Drehgestell serviert werden; alle Essen von allen Tellern, so dass alle Mahlzeiten zu Menüs werden)
• Als „Langnase“ stellt man häufig eine kleine Sensation dar, etwa als wir gemeinsam in einem Kleinstadtladen einkaufen waren und sich eine Traube von Kindern um mich bildet, als ich mir eine Dose Bier hole
• Die scheinbar regellose Naturwüchsigkeit des Straßenverkehrs, die es in Europa allenfalls noch in Süditalien zu beobachten gibt
• Die teilweise mittelalterlich zu nennenden Toiletten an Raststätten und in Restaurants
• Touristische Glanzlichter wie die Große Mauer und die Terrakottaarmee beeindrucken mehr durch die Vorstellung des ganzen als durch den konkreten Anblick
• Das überall zu beobachtende starke Wachstum der Städte; Metropolen wie Shanghai oder Peking gibt es in Europa gar nicht, auch nicht diese Form der vertikalen Stadtentwicklung nebst üppiger Neonreklamen in Fußballfeldgröße
• Die Rhetorik des chinesischen Reiseführers: schlechte Straßen voller Schlaglöcher wurden zu „Massagestraßen“, Pinkelpausen auf den abenteuerlichsten Aborten zu „Harmoniepausen“
• Die Dreistigkeit einer Hotelangestellten, die meine Ansichtskarten trotz Bezahlung des Portos einfach in den Müll geschmissen haben muss. Keine einzige Karte ist bis heute angekommen
P.S.: Zehn Jahre ist es jetzt her, dass ich die dreiwöchige Rundreise gemacht habe. Noch heute denke ich gelegentlich an die Schönheit der Flusslandschaft, die ich bei einer Bootsfahrt auf dem Li Jiang erlebt habe, oder das Metropolis-Feeling in Shanghai, wo wir am nächsten Tag mit 432 km/h im Transrapid zum Flughafen gefahren sind. Oder an den studierten Reiseleiter, der ausgezeichnet Deutsch sprach und mir gelegentlich seine Hand auf den Bauch legte. Ich ließ es geschehen, fragte ihn aber eines Tages doch, warum er das tue. Es bringe Glück, den Bauch des Buddha zu berühren, antwortete er mir. Ich nehme das bis auf den heutigen Tag als Kompliment.
Damals, im Mai 2007, habe ich mit dem Rauchen aufgehört. Auch das ist ein Jubiläum.

Raucherinsel (Danke, Harri)
Ach ja, die Frauen von Mondberg. Sie umlagern den Bus jeder ankommenden Reisegruppe. Jeweils eine Frau schnappt sich einen Touristen oder ein Touristenpärchen. Sie laufen permanent neben dir her und versuchen, ihre Dienste anzubieten oder mit ihren zehn Worten Englisch, den Reiseleiter zu ersetzen. Meine Bäuerin, eine junge Frau, habe ich eine halbe Stunde lang tapfer ignoriert. Beim Picknick auf dem Berg hatte sie die Festung geknackt. Sie zeigte mir Bilder ihrer kleinen Tochter und von ihrem Haus. Natürlich hat sie ein angemessenes Trinkgeld bekommen, als wir wieder beim Bus waren.
Jean-Michel Jarre - Souvenir de Chine. https://www.youtube.com/watch?v=BY_ozF-4IAU

Freitag, 17. Februar 2017

Experiment

"Ich habe kürzlich von einem anschaulichen Gedankenexperiment gelesen: Stellen Sie sich vor, alle Einwohner Deutschlands würden in einer Reihe innerhalb einer Stunde an Ihnen vorbeilaufen – geordnet nach ihrem Vermögen. Und ihre Körpergröße würde ihrem Vermögen entsprechen, jemand mit einem durchschnittlichen Vermögen wäre also durchschnittlich groß. Dann würden Sie in der ersten halben Stunde gar nichts sehen, dann würden 60 cm große Zwerge an ihnen vorbeilaufen, nach 40 Minuten die ersten Menschen in Normalgröße. Und in der letzten Minute wären die Menschen, die an Ihnen vorbeilaufen, über 40 km hoch." (Alexander Dietz im Tagesspiegel vom 10.2.2017)