Montag, 23. Januar 2017

Blogstuff 109

„Dingend verweilt das Ding.“ (Martin Heidegger)
Ich haue jetzt mal eine steile These raus: Mit der Industrialisierung wurde der schwarze Sklave von seiner Arbeit befreit, mit der Digitalisierung wird der weiße Sklave von seiner Arbeit befreit.
Für Männer gilt: Was du in deinem Bauchnabel findest, darfst du behalten.
„Beim Orgasmus quiekte er wie ein Meerschweinchen“ – so einen Satz werden Sie in einem Buch aus dem Hause Bonetti niemals lesen. Wir bürgen für die Qualität unserer Produkte.
Wir fragen heute doch lieber, ob etwas nützlich oder nicht nützlich ist, ob etwas funktioniert oder nicht funktioniert, als zu fragen, ob es richtig oder falsch ist.
Was wurde eigentlich aus Heinz Pralinski? Seine geplante Sportkarriere endete mit einem erfolglosen Probetraining bei Bullseye Wichtelbach II, einer relativ unbekannten Theken-Dart-Mannschaft aus dem vorderen Hunsrück.
Hat es je eine Generation gegeben, die über die globalen Kommunikationsmittel verfügt hat, die wir heute haben? Was machen wir daraus? Gar nichts. Wir könnten weltweite Allianzen bilden, aber wir schicken uns gegenseitig Bilder von unserem Essen und von unseren Katzen.
Es ist besser, fünfzig Jahre wie ein Fürst zu leben, als hundert Jahre wie ein Knecht.
Die Kernerzählung unserer Zeit ist die Erzählung vom Kampf, vom Konkurrenzkampf. Das Internet löst das Fernsehen als Leitmedium ab. Ist das so? Man kann es auch anders sehen. Das erste Massenmedium war das Buch, es folgte die Zeitung. Dann kam das Radio. Die Leute hörten Musik und Nachrichten, lasen aber weiterhin Bücher und Zeitungen. Dann kam das Fernsehen. Trotzdem wurde noch gelesen und Radio gehört. Die Medien leben in Wirklichkeit friedlich nebeneinander wie Kinder. Es kommen neue Kinder dazu, keines wird verdrängt. Natürlich konkurrieren sie miteinander um Aufmerksamkeit, aber es gibt keine echten Verlierer. Kein Medium muss unser Haus verlassen.
Man kann online Kuckucksuhren kaufen, aber man kann online keine Kuckucksuhr in Echtzeit hören und sehen. Ich habe leider keine entsprechende Website gefunden. Wer kann mir helfen?
Wussten Sie, dass die Sprache die Realität nicht bloß abbildet, sondern auch herstellt? Das nennt man Poststrukturalismus. Wahnsinn, oder? Das haben Sie nicht gewusst. Ich finde, das können Sie ruhig zugeben. Die Differenzen zum eigentlichen Strukturalismus behandeln wir in der nächsten Woche.
Die Globalisierung hat unbestritten zu mehr Wohlstand geführt, in China zum Beispiel oder in den hiesigen Vorstandsetagen. Aber welchen Wohlstandszuwachs gab es für Fritz Müller in Bottrop? Hat es ihm genutzt, wenn in Korea Party war und er ist nicht eingeladen worden? Es gab Kuchen, aber er hat kein Stück abbekommen. Die Erzählung von der Globalisierung ist ebenso an ihr Ende gekommen wie die Erzählung der Reagonomics und des Thatcherismus, wie die Erzählung von Massenvernichtungswaffen im Irak und Demokratieexport. Eine Mehrheit hat den Betrug gemerkt. Sie will ihren fairen Anteil am Wachstum. Was ist die neue Story?
Warum hören wir nichts mehr von Johnny Malta? Er schreibt jetzt die Punchlines für Neo Café Trivial.
Trump: Wir wollten die Diktatur des Proletariats und wir bekamen die Diktatur des Proleten.
Was ist denn die Gentrifizierung anderes als ein Almabtrieb? Das Vieh, die Knechte und Mägde, die zum Beispiel den Wedding bevölkern, werden von einer Weide auf die nächste getrieben. Das Vieh wechselt den Stall, auch wenn einige junge Ochsen brüllen und gelegentlich einen Bocksprung vollführen. Wurde das Stimmvieh jemals zu solchen Dingen befragt? Sie dürfen seit neuestem bestimmen, welche Farbe die Jacken der Viehtreiber haben – das ist auch schon alles. Wir sind, genau wir unsere Vorfahren, Leibeigene, die dem Grundherren in Erbuntertänigkeit verpflichtet sind. Neun Zehntel der Deutschen waren bis zur Bauernbefreiung 1848 Leibeigene und im Prinzip hat sich an den Herrschaftsverhältnissen bis heute nicht viel geändert. Der Boden, auf dem euer Bett und die Betten eurer Kinder stehen, gehört euch nicht. Packt euren Bettel und zieht weiter oder ihr bekommt den Knüppel zu spüren.
The Icicle Works - Birds Fly (Whisper To A Scream). https://www.youtube.com/watch?v=ImJpqutxOmg

Sonntag, 22. Januar 2017

Kiez-Business

Was ist Schein, was ist Wirklichkeit? Was ist Wahrheit, was ist Lüge? Was ist Übertreibung, was ist Phantasie? Welchem Zweck dient es? Der Unterhaltung, der Intrige? In der Welt der Medien bewegen wir uns durch ein Labyrinth aus Spiegeln und Schatten, Wege enden im Nichts oder in der Erkenntnis. Wir gehen über doppelte Böden und wissen nicht wirklich, wem wir vertrauen können und wem nicht.
Bonetti Semiprofessional Content & More hat diese Thematik schon vor einigen Jahren aufgegriffen, lange bevor sich die Mainstreammedien mit Fake News und Troll-Kampagnen befasst haben. Ernste Betrachtungen und Satire, Information und Phantasie werden immer wieder neu gemischt, die Leser dieses Blogs kennen es. Die beliebte Rubrik „Hätten Sie’s gewusst?“ in der Serie Blogstuff enthält zum Beispiel teilweise nützliche Informationen oder blühenden Unsinn. Es empfiehlt sich immer, die Informationsgehalt und die Intention der Texte zu hinterfragen.
Der Grund ist einfach: Ich möchte den Leser dazu bewegen, kritischer mit seinem Lesestoff umzugehen. Dazu habe ich verschiedene Figuren entwickelt. Mein großes Vorbild Andy Kaufman hat sich Tony Clifton erschaffen, um seiner fiesen Seite ein Gesicht zu geben. Ich habe Andy Bonetti aus einem Klumpen Lehm geformt, einen unsympathischen und größenwahnsinnigen Erfolgsautor, der mit Schundromanen für Bahnhofsbuchhandlungen ein Vermögen verdient hat. Wenn sie ihn hassen und nichts mehr von ihm lesen wollen, habe ich als Autor alles richtig gemacht. Daneben gibt es Lupo Laminetti, den dauerhaft vom Leben enttäuschten Altmarxisten und Gegenspieler Bonettis, Johnny Malta, der es als Schriftsteller nie schaffen wird, und Heinz Pralinski, den ewigen kleinen Verlagsangestellten.
Warum erzähle ich Ihnen das alles? Es geht natürlich um einen Kollegen aus dem Bloggerland, den wir unter wechselnden Namen im Internet kennen. Nennen wir ihn doch einfach Mike. Er steht bei Bonetti Media seit seinem Abitur 1996 an der Pippi-Langstrumpf-Gesamtwaldorf-Schule in Bad Nauheim (Abschlussnote: noch ausreichend) unter Vertrag. Er begann in seiner Zeit in der JVA Kassel zu bloggen, damals noch unter seinem Knastnamen „Angelsnake“. Den Namen hatte er bekommen, weil er sehr freundlich sein kann, um kurz darauf wie aus dem Nichts zuzubeißen. Außerdem häutet er sich alle paar Jahre und beginnt einen neuen Blog.
Viele Leser schreiben unserem Verlag, weil sie die Texte aus dem letzten Blog „Kiezneurotiker“ vermissen. Dazu kann ich Ihnen heute folgendes mitteilen: Falls es eine Buchveröffentlichung der besten Texte dieses Blogs – und ich äußere mich an dieser Stelle rein hypothetisch – als E-Book bei Kindle geben sollte, werden Sie es in diesem Blog erfahren. Die Leser von Kiezschreiber Plus™ erhalten zu diesem – rein potenziellen! – Sachverhalt am 26.1.2107 exklusive Informationen und haben die Möglichkeit, zum Subskriptionspreis von 9,99 € ein Exemplar zu erwerben. Alle anderen Leser bitte ich, die Pressekonferenz am 31.1.2107 abzuwarten, die live auf n-tv, CNN und BBC übertragen wird.
Bleiben Sie dem Unternehmen Bonetti auch weiterhin gewogen
Ihr Colonel Clickbait

Andy Bonetti spricht zu seinem Volk

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Bloggergemeinde, liebe Bonettistas!
Wir, die Mediennutzer, sind nun in einer großen nationalen Anstrengung geeint, unsere Medienlandschaft wieder aufzubauen und die Hoffnung für unser ganzes Volk wiederherzustellen. Gemeinsam werden wir den Kurs Deutschlands und der Welt für viele, viele Jahre lang bestimmen. Es wird Herausforderungen und schwierige Situationen geben, aber wir werden es schaffen.
Die heutige Zeremonie jedoch hat eine ganz besondere Bedeutung. Denn heute übergeben wir die Medienmacht nicht nur von einem Medienimperium an das andere oder von einer Zeitung an die andere, sondern wir nehmen die Macht von Springer, Bertelsmann und Burda und geben sie an euch, das Volk, zurück. Zu lange hat eine kleine Gruppe in den Mainstreammedien unseres Landes profitiert, und das Volk hat die Kosten getragen. Bild, Spiegel und Stern blühten, aber das Volk hat nichts von dem Reichtum gehabt. Das Establishment schützte sich selbst, aber nicht die Bürger unseres Landes. Ihre Siege waren nicht eure Siege, ihre Triumphe waren nicht eure Triumphe.
All das ändert sich hier und jetzt. Denn dieser Augenblick ist euer Augenblick. Er gehört euch. Er gehört allen, die heute hier versammelt sind, und allen, die uns gerade zuschauen. Dies ist euer Tag, dies ist eure Feier, und dies ist eure Medienlandschaft. Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in der Erinnerung bleiben, an dem die Leser wieder zu den Herrschern am Zeitungskiosk, in Radio und Fernsehen und im Internet wurden. Die vergessenen Abonnenten unseres Landes werden nicht mehr vergessen sein. Alle hören jetzt auf euch. Im Zentrum dieser Bewegung steht die entscheidende Überzeugung, dass die Medien da sind, um ihre Leser unvoreingenommen zu informieren. Die Mediennutzer wollen tolle Zeitungen, Fernsehsendungen und Blogs. Doch für zu viele unserer Bürger gibt es eine andere Realität: Fake News, Propaganda, Gossip, kritiklose Hofberichterstattung und Kungelei zwischen Medienvertretern, Politikern und Wirtschaftsbossen.
Dieses Massaker an unserer Intelligenz endet hier und jetzt. Jetzt blicken wir nur in die Zukunft. Wir sind heute hier zusammengekommen, um ein neues Dekret zu erlassen, das man in jeder Stadt, in jeder ausländischen Hauptstadt und in jedem Machtzentrum hören soll. Vom heutigen Tag an wird eine neue Vision unser Land regieren. Vom heutigen Tag an wird es nur noch Wahrheit zuerst heißen, Wahrheit zuerst. Ich werde mit jedem Atemzug meines Körpers für euch kämpfen, und ich werde euch nie hängenlassen. Wir werden unsere Meinungsvielfalt und die Qualität zurückbringen. Und wir werden unsere Träume zurückbringen. Wir werden neue Zeitungen und Sender gründen, wir werden neue Blogs eröffnen – ohne Catcontent und Foodporn, ohne den Informationsmüll der alten Medien, die unsere Jugend der Kritikfähigkeit und des Wissens beraubt haben. Wir streben nicht danach, jemandem unsere Themenauswahl und unseren Schreibstil aufzuzwingen, sondern sie als Beispiel leuchten zu lassen. Wir werden leuchten, damit uns alle folgen.
Die Zeit für leeres Gerede ist vorbei. Nun kommt die Stunde des Handelns. Erlaubt niemandem, euch zu sagen, dass es nicht zu schaffen ist. Keine Herausforderung kann sich mit dem Herz und dem Kampfeswillen und dem Geist Bonettis messen. Wir werden nicht scheitern. Unsere Medien werden wieder blühen und gedeihen. Wir alle genießen dieselbe Meinungsfreiheit und wir alle salutieren der gleichen, großartigen Flagge von Bonetti Media Unlimited. Alle Bonettistas in jeder Stadt, nah und fern, groß und klein, von Berg zu Berg, von Ozean zu Ozean, hört diese Worte. Ihr werdet niemals mehr ignoriert werden. Eure Stimme, eure Hoffnungen und eure Träume werden unser mediales Schicksal bestimmen. Und euer Mut und eure Tugend und Liebe wird uns für immer auf diesem Weg leiten. Gemeinsam werden wir unsere Medien wieder stark machen. Gott schütze unser Unternehmen und unsere Leser.

Tag der urbanen Schönheit

Heute ist der internationale Tag der urbanen Schönheit, an dem sich viele Blogger in aller Welt beteiligen. Wir verdanken diese wunderbare Gelegenheit, die Schönheit unserer Umgebung zu würdigen, einem sympathischen Nebenerwerbsbauern aus Berlin-Pankow.
http://ackerbaupankow.blogspot.de/2016/12/tag-der-urbanen-schonheit.html
Das Thema in diesem Jahr: Brücken. Ich habe als Motiv die Brückenhäuser in der Altstadt von Bad Kreuznach gewählt. Ein Jahr lange habe ich in der Nähe dieser Brücke gelebt. Nicht weit entfernt ist auch das Wohnhaus von Dr. Faust, dem realen Vorbild für Goethes berühmtes Werk.

Im mittleren Brückenhaus steckt noch eine Kanonenkugel aus dem Dreißigjährigen Krieg. Die Stadt wechselte in diesem Krieg mehrfach den Besitzer. Spanier, Franzosen, Schweden, Kaiserlich-Deutsche und andere deutsche Truppen eroberten abwechselnd die Stadt und plünderten sie jedes Mal. „Er ist zu Kreuznach geboren“ – das war früher einmal ein Sprichwort und bedeutete, dass ein Mensch viel Elend und Not erlebt hatte.
Diesen Ohrwurm hat mir Ackerboy ins Ohr gesetzt. Dafür räche ich mich mit einem Mezcal-Wurm in Deinem Ohr! Sonic Boom Six - No Man, No Right. https://www.youtube.com/watch?v=484psuotV98

Samstag, 21. Januar 2017

Eine Hippie-WG in den Siebzigern

Kinder, Kinder, das waren noch Zeiten. Da könnt Ihr Euch alle eine Scheibe abschneiden, die Ihr heute einen ökologischen Fußabdruck wie ein Elefant hinterlasst. Es waren die siebziger Jahre und ich trug die Haare schulterlang, rauchte Selbstgedrehte und hatte einen Schnurrbart wie jeder junge Mann. Ohne den Schnurrbart wurde man gar nicht in die Disco gelassen. Meine Vorbilder waren Che Guevara und John Travolta.
Damals kannte ich ein ausgeflipptes Pärchen, das auf dem Land lebte. Heute würde man solche Leute Aussteiger nennen, aber in meiner Jugend hat man nicht nach Begriffen gesucht, sondern einfach anders gelebt als die blöden Spießer. Dieses Pärchen lebte in einem kleinen Haus auf dem Land. Sie bauten ihr Gemüse selbst an und hatten ein paar Hühner, die sie mit Eiern versorgten. Fleisch gab es höchstens einmal die Woche, sie kochten jeden Tag selbst und gingen nie in Restaurants. Sie tranken Leitungswasser, das nicht in so einem Sprudeldingsbums aufbereitet wurde.
Sie hatten kein Auto, nur Fahrräder. Sie sind nie auf Reisen gegangen, noch nicht mal auf Hochzeitsreise. In ihrem ganzen Leben waren sie nie im Ausland, sie haben nie in einem Flugzeug gesessen. Gelegentlich haben sie Freunde und Verwandte besucht oder die Leute kamen zu ihnen. Dann gab es selbstgebackenen Kuchen.
Sie haben kaum Müll produziert, weil sie keinen abgepackten Kram oder Konserven gekauft haben. Was an Altpapier anfiel, kam in den Ofen und heizte die Küche. Das war der einzige Raum, der während der Woche geheizt wurde. Sonntags auch das Wohnzimmer. Wenn du bei diesen Leuten übernachtet hast, war es im Winter in den Schlafzimmern so unglaublich kalt – das glaubt Ihr jungen Leute gar nicht. Die Federbetten waren praktisch aus Eis und man hat sich eine Viertelstunde warmgezittert, bevor man überhaupt ans Einschlafen denken konnte.
Die Frau hat Löcher in den Strümpfen gestopft, anstatt die Strümpfe wegzuwerfen und neue zu kaufen. Alle Klamotten wurden so lange geflickt, wie es nur irgendwie ging. Der Mann hatte, neben seinen Arbeitsschuhen und seinen Hausschuhen, nur ein „gutes Paar“ Schuhe. Die wurden von einem Schuhmacher im Dorf gemacht und regelmäßig gepflegt. Wenn die Absätze abgelatscht waren oder die Sohle sich gelockert hatte, ging man zum gleichen Schuhmacher und ließ sich die Schuhe wieder reparieren. So hielten die Schuhe Jahrzehnte.
Die Möbel waren nicht aus irgendeinem Wegwerfmöbelhaus, sondern von Handwerkern aus solidem Holz gemacht. Sie waren schwer und gingen auch bei einem Umzug nicht kaputt. Solche Möbel bekam man vielleicht sogar vererbt und konnte sie weitervererben. Sie waren massiv und aus Nussbaum oder Kirsche. Ein guter Tisch kann nicht kaputt gehen. Den kauft man einmal und hat ihn dann sein ganzes Leben.
Wenn ein Nachbar, ein Freund oder ein Verwandter Hilfe brauchte, ging man eben hin. Man half sich bei Umzügen, Reparaturen im Haus, beim Kinderhüten oder beim Kartoffelschälen vor großen Feiern wie Geburtstag oder Hochzeit. Solche verrückten Freaks gibt es heute gar nicht mehr. Sie haben keine Mails geschrieben oder getwittert. Sie haben überhaupt wenig geschrieben, weil sie es nicht so gut konnten. Sie haben sich lieber mit den Leuten unterhalten.
Sie haben ihr ganzes Leben gearbeitet. Ein Maurer und eine Krankenschwester. Sie bekamen am Ende gut tausend D-Mark Rente im Monat. Zusammen. Aber sie haben deswegen nicht rumgejammert. Sie hatten kein Telefon, keinen Computer und kein Smartphone. Wenn man sie erreichen wollte, musste man bei den Nachbarn anrufen. Dann wurden von Haus zu Haus die Nachrichten durch die offenen Fenster herübergerufen. Das Radio in der Küche war oft an, der Fernseher im Wohnzimmer fast nie.
Wisst Ihr inzwischen, von wem ich spreche? Wer diese durchgeknallten Freaks in der Hippie-WG in den siebziger Jahren waren? Mein Großeltern. Die haben über Ökologie und Nachhaltigkeit nicht gequatscht, sie haben es gelebt. Schade, dass sie längst gestorben sind. Von diesen Leuten hätten die Grünen, die Linken und all die anderen selbstgefälligen Schwätzer einiges lernen können. Aber sie hätten vermutlich nicht zugehört.
Sade - No Ordinary Love. https://www.youtube.com/watch?v=_WcWHZc8s2I

Freitag, 20. Januar 2017

Aus gegebenem Anlass

"Ich weiß gar nicht, warum einige Leute so negativ drauf sind. Das Dschungelcamp läuft auf RTL, Trump ist Präsident und heute geht auch endlich die Fußballbundesliga wieder los. Pessimismus ist nur ein Mangel an Dummheit." (Lupo Laminetti)
Zur Inauguration des 45. US-Präsidenten und zur Installierung seiner Oligarchenregierung hier die wichtigsten Erwerbsregeln der Ferengi:
Wenn Sie erst einmal das Geld der anderen haben ... geben Sie es nie wieder her.
Sex und Profit sind zwei Dinge, an denen man sich nie lang genug erfreuen kann.
Wenn Sie einen Vertrag nicht brechen können, interpretieren Sie ihn.
Ein Ferengi, der keinen Profit macht, ist kein Ferengi.
Stellen Sie niemals Freundschaft über Profit.
Angst ist ein guter Geschäftspartner.
Moral wird von dem definiert, der an der Macht ist.
Wenn Sie Profit durch eine Reise erwarten, unternehmen Sie sie.
Frieden ist gut für das Geschäft.
Krieg ist gut für das Geschäft.
Hohes Alter und Gier werden immer Jugend und Talent übertreffen.
Kaufen Sie nie, was gestohlen werden kann.
Macht ohne Profit ist wie ein Schiff ohne Antrieb.
Tun Sie nie etwas, was ein Anderer für Sie tun kann.
Behandeln Sie Leute, die in Ihrer Schuld stehen, wie Familienangehörige ... beuten Sie sie aus.
Alles ist käuflich, auch Freundschaft.
Eine Lüge ist gar keine, solange, bis jemand die Wahrheit kennt.
Vor dem Gesetz ist jeder gleich, Gerechtigkeit aber geht an den Meistbietenden.
Wettbewerb und Fairness schließen sich gegenseitig aus.
Töten Sie nie einen Kunden, außer Sie machen mit seinem Tod mehr Profit als mit seinem Leben.
Wissen Sie wer Ihre Feinde sind ... und machen Sie immer mit ihnen Geschäfte.
Legen Sie keinesfalls ein Geständnis ab, wenn es eine Bestechung auch tut.
Supertrump - It's Raining Again. https://www.youtube.com/watch?v=YZUE4_PtOk0&spfreload=5

Die verdrehte Welt politischer Ideen

„Ich verstehe nicht, weshalb man so viel Wesen um die Technik des Komödienschreibens macht. Man braucht doch nur die Feder in ein Whisky-Glas zu tauchen.“ (Oscar Wilde)
Nehmen wir für einen Augenblick an, ich sei kein bedeutender und erfolgreicher Medienunternehmer, sondern ein orthodoxer Marxist. Ein richtiger Hardcore-Linker, der bei jeder Gelegenheit auf Fidel Castro und die leninistische Erbmonarchie in Nordkorea anstößt. Einer, der es unter Weltrevolution nicht macht und zu Hause auf dem Sofa in Recklinghausen auf den Startschuss wartet. Dann mache ich doch nichts, was dieses neoliberale Ausbeutersystem stabilisiert und es am Leben erhält, oder? Ansonsten kann ich ja noch lange auf den Aufstand der pauperisierten Massen warten und währenddessen wird vielleicht der Kaffee kalt.
Dann muss ich mich doch über jede Gehaltserhöhung irgendwelcher Leute ärgern. Dann ist „Wohlstand“ nur Opium für das Volk, dann ist Konsum per se etwas Schlechtes. Ich ärgere mich, dass es in Indien oder China keine Hungersnöte mehr gibt, sondern die Leute jetzt Autos und Stereoanlagen haben und sich sogar über diesen ganzen Krempel freuen. Mit jedem Euro, den ich einem Bettler in den Hut werfe, unterstütze ich den Kapitalismus. Denn wenn die Leute genug zu essen haben, machen sie ja keine Revolution. Aus marxistischer Sicht muss das neoliberale Ausbeutersystem also immer schlimmer werden. Sonst nix Revolution, nix Diktatur des Proletariats, nix Kommunismus.
Daher muss ich als echter Linker, der das alles verstanden hat, das Geschäft des politischen Gegners betreiben. Ich muss daran arbeiten, den Menschen das Leben zur Hölle zu machen. Ich muss ihnen ihren Krempel wieder wegnehmen und ihnen das Gesicht in den Dreck drücken. So betrachtet hat Gerhard Schröder ja als SPD-Politiker alles richtig gemacht. Sozialabbau, Hartz IV, Leistungsverdichtung und der Typus des Selbstoptimierers als Vorbild. So wurde mit einer Politik, die eigentlich aus dem Bilderbuch von McKinsey sein könnte, die Unzufriedenheit im Volk geschürt. Für den Marxisten auf dem Sofa in Recklinghausen rückt die Weltrevolution gefühlt ein paar Jahre näher. Der Marxist hat es einfach, denn laut dem Drehbuch eines toten Hippies aus Trier, der im vorletzten Jahrhundert gelebt hat, muss er nur auf den naturgesetzmäßigen Automatismus der Weltgeschichte warten, während sich die Sozialdemokratie mühsam damit plagen musste, durch die Agenda 2010 erst die Bedingungen für den Sozialismus zu schaffen.
Umgekehrt funktioniert das auch. Mit Trump ist der größte Vorzeigekapitalist seit Dagobert Duck zum Präsidenten gekürt worden. Wir erwarten vier Jahre neoliberale Politik. Aber was plant dieser Mann tatsächlich? Es ist keine rechte Politik, wie man sie vom Frontmann der Republikaner verlangt, sondern linke Politik. Mit protektionistischen Maßnahmen will er der Liberalisierung der Weltmärkte, der Globalisierung, Grenzen setzen. Er will sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in den USA schaffen und Ausbeutungsverhältnisse in der Dritten Welt reduzieren. Durch Rückverlagerung von Industriearbeitsplätzen nach Amerika werden Transportwege zwischen Produzent und Konsument verkürzt, das schont die Umwelt. Sein Ziel ist es, mit solchen klassisch sozialdemokratischen Maßnahmen den Wohlstand der unzufriedenen Bevölkerung in der Kernzone des Kapitalismus zu erhöhen.
Durch die Globalisierung sind viele gutbezahlte Industriejobs verloren gegangen, die jetzt wiederkommen sollen. Wir sprechen hier nicht von den prekären McJobs im Niedriglohnsektor, die Schröder den Deutschen brachte, sondern über gute Jobs z.B. in der Automobilproduktion. Wissen Sie, was ein Fließbandarbeiter inklusive Schichtzulage bei Opel in Rüsselsheim verdient? Netto 3500 Euro, das entspricht dem Einstiegsgehalt eines FH-Profs. Schichtarbeit bedeutet auch: feste Arbeitszeiten, keine unbezahlten Überstunden. Außerdem gibt es am Band keine unbezahlten Praktika. Das weiß der Marxist natürlich alles nicht, weil er keinen Arbeiter persönlich kennt. Auf diese Weise wendet man als Konservativer mit linker Politik den Aufstand ab. Schließlich ist die solide Industriebasis ja das Erfolgsrezept des Exportweltmeisters Deutschland, das haben die Amis inzwischen auch kapiert.
Mit Trump kommt auch das Primat der Politik zurück – ganz modern per Twitter. Er setzt Unternehmer unter Druck. Sie sollen Arbeitsplätze schaffen. Er droht mit Strafzöllen, er lockt mit Steuererleichterungen. Ganz unverblümt tut der Präsident Trump das, was sich der Unternehmer Trump verbeten würde: Er mischt sich massiv in die Wirtschaft ein. Nicht über Gesetze oder die Medien – er spricht die Bosse direkt auf Investitionen an und versucht, Einfluss auf ihre Entscheidungen auszuüben. Der Mann propagiert Protektionismus und das bedeutet übersetzt: weniger Wettbewerb. Und keiner schreit empört: „Das ist Kommunismus!“ So verdreht ist die Welt der Politik in diesem Jahrhundert.
The Untouchables - Wild Child. https://www.youtube.com/watch?v=KTXY1xDy95s